
Letná Park
von Katja Schickel
Gestern abend auf dem Belvedere unter den Sternen, schrieb Franz Kafka am 13.08.1913 in sein Tagebuch.
Belvedere, das ist der Park auf dem früheren sog. Sommerberg, den Kafka auch aus dem Fenster der Wohnung Niklasstr. 36 ("Zum Schiff") sehen konnte und in der er die Erzählung Das Urteil schrieb.
Die Geschichte "Das Urteil" habe ich in der Nacht vom 22. bis 23. von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh in einem Zug geschrieben. Die vom Sitzen steif gewordenen Beine konnte ich kaum unter dem Schreibtisch hervorziehn. Die fürchterliche Anstrengung und Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte, wie ich in einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken. Wie alles gesagt werden kann, wie für alle, die fremdesten Einfälle ein großes Feuer bereitet ist, in dem sie vergehn und auferstehn. Wie es vor dem Fenster blau wurde. Ein Wagen fuhr. Zwei Männer über die Brücke gingen. Um zwei Uhr schaute ich zum letzten Male auf die Uhr. Wie das Dienstmädchen zum ersten Male durchs Vorzimmer ging, schrieb ich den letzten Satz nieder. Auslöschen der Lampe und Tageshelle. Die leichten Herzschmerzen. Die in der Mitte der Nacht vergehende Müdigkeit. Das zitternde Eintreten ins Zimmer der Schwestern. Vorlesung. Vorher das Sichstrecken vor dem Dienstmädchen und Sagen: "Ich habe bis jetzt geschrieben." Das Aussehn des unberührten Bettes, als sei es jetzt hereingetragen worden. Die bestätigte Überzeugung, dass ich mich mit meinem Romanschreiben in schändlichen Niederungen des Schreibens befinde. Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele. Vormittag im Bett. Die immer klaren Augen. Viele während des Schreibens mitgeführten Gefühle, zum Beispiel die Freude, dass ich etwas Schönes für Maxens "Arkadia" haben werde, Gedanken an Freud natürlich, an einer Stelle an "Arnold Beer", an einer anderen an Wassermann, an einer an Werfels "Riesin", natürlich auch an meine "Die städtische Welt".
Der Park hat Geschichte: immer war er Ort von Manifestationen, Aufmärschen und Demonstrationen, aber auch Sehnsuchtsort, privater Treffpunkt und Freizeit- und Erholungsmöglichkeit. Er liegt etwas abseits der Touristenströme, auf der anderen Seite, der Kleinen Seite eben, man sieht auf Moldau und das Zentrum Prags herab und ist mit der Rückseite der Prager Burg quasi auf Augenhöhe. Das verändert vermutlich die Sichtweisen. Der weite Horizont lässt überdies viele unterschiedliche Blicke zu.
Wir sind neugierig auf Geschichte und Gegenwart der Stadt und des Landes, wir wollen sie kennen lernen. Uns interessiert die Prager deutsche Literatur (in all ihren Facetten, natürlich Kafka, aber auch alle anderen) und die zeitgenössische tschechische Kulturlandschaft. Wir wollen uns Fragen zum tschechisch-deutschen Verhältnis stellen, vor allem in einer europäischen Perspektive und vielstimmig - und präsentieren, was uns darüber hinaus interessiert und gefällt.
Schreiben Sie uns, was Sie interessiert und Ihnen gefällt!

Prag um 1910
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