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Kulturmagazin aus Prag
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30.September 1989

Kurz vor sieben Uhr abends. Fast 4.000 Menschen drängen sich im Garten der Prager Botschaft. Sie alle warten auf die Nachricht von Hans Dietrich Genscher. Schließlich erscheint er auf dem Balkon. „Liebe Landsleute. Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ...“ Der Rest seines berühmt gewordenen Halbsatzes wird von lautem Jubelgeschrei übertönt. Es ist der Beginn eines der bedeutendsten Ereignisse der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie haben – etwas weniger spektakulär – zuvor in Ungarn begonnen und sind in Polen fortgesetzt worden.



Die heimlichen Helfer und Helferinnen der Wende

aus Polen, Tschechien und Ungarn


Vor fünfundzwanzig Jahren flüchteten Zehntausende DDR-Bürger über Prag (Stichtag: 30. September), Ungarn und Warschau in den Westen. Mutige Bürger in Osteuropa halfen den DDR-Flüchtlingen auf ihrem Weg in die Freiheit – ohne sie wäre der Eiserne Vorhang wohl nicht so schnell gefallen.


Waltraud Schröder, Prag: Fluchthelferin auf Zehenspitzen

von Martin Nejezchleba, Prag

Ab 30. September 1989 flohen Tausende von DDR-Bürgern über die Prager Botschaft in den Westen. Waltraud Schröder arbeitete damals beim Roten Kreuz und versorgte die Flüchtlinge.

Im Treppenhaus der Prager Botschaft hebt Waltraud Schröder in ihren schwarzen Lederschuhen die Fersen. Auf Zehenspitzen huscht die Achtundsiebzigjährige die Stufen hoch. So wie vor fünfundzwanzig Jahren, wenige Wochen vor dem Mauerfall.

„Auf den Fensterbänken, in Zelten und Kartons, auf dieser Treppe, überall saßen und schliefen die Leute mit ihren Kindern auf dem Schoß“, erinnert sich die Rentnerin. Als Einsatzleiterin des Roten Kreuzes hat sie 1989 die 17.000 Botschaftsflüchtlinge in Prag versorgt.

Die Bilder kennt in Deutschland jeder: DDR-Bürger in gebleichten Jeansjacken klettern über den Zaun in den Garten der bundesdeutschen Botschaft in Prag. Am Abend des 30. September tritt Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon. „Liebe Landsleute, wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“. Mit dem Jubel, der den Rest des Satzes übertönte, endet im öffentlichen Bewusstsein die Geschichte der Prager Botschaftsflüchtlinge. Für Waltraud Schröder fängt sie damit erst an.

Am Morgen nach der Genscher-Rede stehen wieder 3.000 Flüchtlinge vor den Toren der Botschaft. Für sie gibt es nur einen Toilettenwagen, die Seuchengefahr ist enorm. Schröder achtet darauf, dass die Menschen ihren Traum von der Freiheit heil überstehen – leise und rücksichtsvoll, auf Zehnspitzen.

Sie hat später noch viele Einsätze geleitet. „Doch der Einsatz in Prag hat mein Leben verändert“, sagt Waltraud Schröder. Weil sie an einem Schlüsselmoment der deutschen Geschichte mitgewirkt hat und weil sie gelernt hat, dass entschiedenes Handeln manchmal wichtiger ist als die Regeln in den DRK-Lehrbüchern.

Zum 25. Jubiläum ist Schröder noch einmal nach Prag gereist. Betont sachlich berichtet sie von den Geschehnissen im Herbst 1989. Doch einmal kommen ihre Gefühle wieder hoch. „Dieser Jubelschrei, der klingt noch heute in meinen Ohren.“ Als der zweiten von drei Flüchtlingswellen der Weg in den Westen geöffnet wird, steht Schröder auf dem Balkon der Botschaft, legt den Kopf in die Hände und weint. „Jemand da oben muss seine Hand über die Menschen hier gehalten haben“, meint sie.


Györgyi Komandi Vargane und Istvan Varga, Ungarn:
„Es war wie mit anderen Gästen auch“

von Lisa Weil, Budapest

Ungarn war das erste Land, an dessen Grenze der Eiserne Vorhang fiel. Über die Grenze zu Österreich flüchteten im Sommer 1989 Tausende DDR-Bürger in die Freiheit. Györgyi Komandi Vargane und ihr Mann Istvan Varga nahmen neun von ihnen auf.

Fünfundzwanzig Jahre sind die Fotografien alt, die Györgyi und Istvan in den Händen halten. Auf dem einen sieht man Istvan, der Bart brauner, die Haare länger als heute, auf einem Stein sitzen und glücklich in die Kamera lächeln. Das Foto entstand wenige Kilometer von der österreichisch-deutschen Grenze, wo die beiden damals Abschied nahmen von sechs Studenten aus Halle, mit denen sie eine besondere Geschichte verbindet.

Györgyi und Istvan nehmen im Sommer 1989 neun DDR-Flüchtlinge bei sich auf. Sechs von ihnen bringen sie nach der Grenzöffnung im September vor fünfundzwanzig Jahren im geliehenen Minivan bis an die österreichisch-deutsche Grenze. Nicht wegen des „Wunsches, sich ins Weltgeschehen einzumischen“, wie die Sechzigjährige Györgyi es ausdrückt. Sondern einfach so.

Damals wie heute leben die Architektin und der Elektroingenieur unweit jener Budapester Kirche, die im August 1989 zu einem riesigen Flüchtlingslager für DDR-Bürger wird. Obwohl ihr Haus zu jener Zeit gerade eine Baustelle ist und bereits drei Hunde sowie sechs der heute zehn Kinder es mit Leben füllen, entscheiden sie, ihre Türen zu öffnen. „Es war Bombenwetter, und die Deutschen campten bei uns im Garten. Die Stimmung war toll. Einmal habe ich für uns alle Zwetschgenknödel gemacht – mehrere hundert. Es war alles normal, wie es mit anderen Gästen auch gewesen wäre.“

Dann kommt der 10. September. „In der Wochenschau sagten sie durch, dass die Grenze nun legal geöffnet sei“, erinnert sich Györgyi. „Natürlich tobten alle vor Freude.“ Im Auto, wenige Tage später, hält die Gruppe den Atem an. „Als wir endlich an der Grenze ankamen und der österreichische Grenzbeamte uns höflich und nett begrüßte, fiel die Anspannung plötzlich von allen ab. Wir haben dann erst einmal einen Sekt aufgemacht.“

Györgyi zeigt wieder auf das Bild von ihrem Mann Istvan. „Das war danach, am 13. September. Wir hatten nahe der Grenze im Wagen übernachtet, und als wir am Morgen aufwachten, atmeten wir tief durch und sagten uns, whow, geschafft.“


Iwona Szymanek, Polen:
„Die Flüchtlinge lebten auf unserem Nachbargrundstück“

von Agnieszka Hreczuk, Warschau

Nicht nur über Prag, auch über Warschau rollten im Herbst 1989 Sonderzüge in Richtung Westen. Iwona Szymanik lebte damals neben der deutschen Botschaft in der polnischen Hauptstadt – und versorgte die DDR-Flüchtlinge mit Lebensmitteln.

1989 ist ein unvergessliches Jahr für Iwona Szymanik. Sie hatte ihr Studium abgeschlossen, war frisch verheiratet und schwanger. Und in Polen hatten gerade die ersten demokratischen Wahlen stattgefunden. „Wir waren so aufgedreht und stolz“, erinnert sich die heute vierundfünfzigjährige Architektin aus Warschau.

Szymanik wohnt damals in einem Einfamilienhaus in Saska Kepa, dem Diplomatenviertel von Warschau. In der hellen Villa nebenan war die Botschaft der BRD untergebracht, nur ein Zaun trennte die beiden Grundstücke.

Im September 1989 sieht Iwona Szymanik aus dem Fenster eine Szene, die sie nie vergessen wird. „Eine Gruppe Menschen stand da, in unserem Garten. Sie warfen ein Kind über den Zaun der Botschaft, und dann schoben sie auf einem dicken Holzbrett eine ältere Frau hinterher.“ Seit August 1989 flüchten DDR-Bürger in die Warschauer Botschaft, in der Hoffnung, in die BRD ausreisen zu können. 6.000 Flüchtlinge kommen in die polnische Hauptstadt. Die meisten werden in Ferienheimen und Pensionen untergebracht. Ein Teil wohnt in der Botschaft, direkt neben den Szymaniks.

Am Anfang, erinnert sich Iwona, vermeiden die Deutschen jeglichen Kontakt. Nur die Kinder laufen herum und lassen sich mit Obst aus Szymaniks Garten, Nüssen und Bonbons beschenken. „Erst später wurde uns klar, wie verängstigt diese Menschen waren“, sagt Iwona.

Auf dem ehemaligen Botschaftsgebäude hängt heute seit kurzem eine Gedenktafel. Sie erinnert an die Flüchtlinge und an die Bewohner des Viertels, die den DDR-Bürgern halfen. Iwona selbst betrachtet sich als Zeitzeugin, nicht als Heldin. „Wir haben den Menschen zu Essen gegeben, das war ja nichts Besonderes”, sagt sie. „Und ihnen die Daumen gedrückt.“

Es hat geholfen: Anfang Oktober besteigen die Flüchtlinge am Warschauer Bahnhof Sonderzüge in Richtung Westen.
Heute betreiben Iwona und Witold Szymanik eine Software-Firma in Warschau. In ihrem Büro haben sie ein Erinnerungsstück aufgestellt: ein Autoabzeichen mit der Aufschrift: „DDR“. Es war von einem Trabant abgefallen, der damals auf der Straße parkte.


Arpad Bella, Ungarn: Vom Mut, nichts zu tun

von Silviu Mihai, Sopron

Der ungarische Grenzoffizier Arpad Bella hatte 1989 genau zwanzig Sekunden Zeit, um zu entscheiden: Schießen – oder nichts tun. Wie er den Mut fand, die DDR-Flüchtlinge über die Grenze zu lassen, weiß er bis heute nicht.

„Ein Mann, ein Wort“, kommt einem in den Sinn, wenn man Arpad Bella gegenübersteht. Der achtundsechzigjährige Rentner trägt Jeans und ein kariertes Hemd. Er redet langsam und überlegt, sein Gesicht prägt immer noch eine gewisse militärische Strenge. Doch die List der Geschichte verwandelte diesen Mann der Pflicht in einen bekannten Flüchtlingshelfer der Wendezeit.

Im August 1989 war Bella Leiter eines der wichtigsten Grenzübergänge zwischen Ungarn und Österreich und damit eine Art Wächter jenes Tors, das damals den maroden sozialistischen Ostblock von der „freien Welt“ trennte. Er ahnte nicht, dass der Eiserne Vorhang innerhalb weniger Monate zu einem Haufen Altmetall werden könnte, und schon gar nicht, dass „seine“ Grenze im westungarischen Sopron bald völlig unbewacht und fast unsichtbar verlaufen würde. Er dachte zu der Zeit, wie die überwiegende Mehrheit der Ungarn, die Spaltung Europas sei in Stein gemeißelt.

Als am 19. August Hunderte von DDR-Bürgern an den Zaun drängten, geschah dann doch das Unvorstellbare. Schießen lassen – und damit im Namen eines kaputten politischen System das Leben der Flüchtlinge und womöglich auch das der eigenen Soldaten aufopfern? Oder nichts unternehmen – und damit einen Prozess vor dem Militärgericht und eine Gefängnisstrafe in Kauf nehmen? Bella hatte schlicht keine Zeit für lange moralische Überlegungen. Alles passierte rasch, die Gruppe stürmte gen Westen und schlug das Tor auf. Er hatte, genauer gesagt, nur zwanzig Sekunden für die Schlüsselentscheidung.

Er blieb tatenlos. Bevor alle Beteiligten überhaupt die Chance hatten, alles zu durchdenken, gelangten die DDR-Bürger auf österreichischen Boden. Es war der erste massive Riss im Eisernen Vorhang.

Arpad Bella kann bis heute nicht begreifen, wie er in jenem Augenblick so viel Mut haben konnte. Eine Vorladung von den Militärrichtern bekam er nie. Stattdessen bekommt er seit regelmäßig Einladungen zu diversen Veranstaltungen. In Ungarn, Deutschland und anderen Ländern soll er erklären, wie er diesen entscheidenden Moment der Wende erlebt hat. Doch Arpad Bella fehlen immer noch die Worte.


© Porträts von den n-ost-KorrespondentInnen Agnieszka Hreczuk, Warschau / Silviu Mihai, Sopron / Martin Nejezchleba, Prag / Lisa Weil, Budapest. Die Texte entstanden im Rahmen des Projekts Eastern Europe: Outside/in mit Unterstützung der Allianz-Kulturstiftung. Mit freundlicher Genehmigung von n-ost, Erstveröffentlichung: www.n-ost.de OSTEUROPA_Fluchthelfer_2014_09_23.doc



 

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