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Ein Memento für nachkommende Generationen

von Daniela Capcarová

 


Košice erinnerte im Mai 2016 an die Deportationen der jüdischen Bevölkerung - Edita Šalamonová kann die Gräueltaten der Nationalsozialisten bis heute nicht vergessen.


Bei den diesjährigen slowakischen Wahlen erlangten zum ersten Mal in der Nachwende-Geschichte der Slowakei die rechtsextreme Partei Ľudová strana – Naše Slovensko fast zehn Prozent der Stimmen. Gerade bei jungen Menschen kam die Partei gut an – 20 Prozent von ihnen gaben ihr die Stimme. Als Reaktion darauf folgte eine breite Diskussion in der slowakischen Öffentlichkeit und in den Medien. Man fragte unter anderem, ob die Gesellschaft sich nach 1989 ausreichend mit der Geschichte während des klerikal-faschistischen Slowakischen Staates unter Jozef Tiso auseinandergesetzt habe. Junge Slowaken beschäftigen sich Experten zufolge kaum mit dem Holocaust.

 

Gut drei Monate nach den Wahlen steht Edita Šalamonová in Košice von einer ehemaligen Ziegelei zwischen Plattenbauten. Sie ist 93 Jahre alt, trägt eine getönte Brille und Lippenstift – und sie erinnert sich an die Transporte der Juden aus Košice als wäre es gestern gewesen: „Es war Freitag, der 21. April 1944“, sagt sie genau dort, wo sich damals das Sammellager befand. „Abends klopfte jemand an die Fester unserer Wohnung in der Innenstadt und befahl uns, bis zum nächsten Morgen alle unseren Sachen zu packen“, sagt die 93jährige Rentnerin. „Am nächsten Tag kamen drei Polizisten, wühlten unsere Sachen durch und befahlen uns, zur Synagoge in der Puškinova Straße zu gehen.“

 

Kaschau, das spätere Košice, galt um 1930 als ein Zentrum des Judentums mit ca. 11.000 Menschen unter 70.000 Einwohnern. Als die Stadt 1938 ungarisch wurde, begannen mit der Ausweisung dutzender Familien die ersten antijüdischen Maßnahmen. Kurze Zeit später mussten mehrere hundert Košicer Juden Zwangsarbeit verrichten.

 

   

Wiener Schiedsspruch 1938

 

Neue Grenzen, ©Martin Proehl


Das ostslowakische Košice gehörte infolge des Wiener Schiedsspruchs (auch Wiener Diktat genannt) seit dem 10. November 1938 zu Ungarn. Die Stadt wurde von der damaligen Tschechoslowakei abgespalten. Nachdem die Nationalsozialisten das Land besetzt hatten, schickte Hitler im April 1944 Adolf Eichmann nach Budapest.
Nach dem Buch von Michael Okroy Kaschau war eine europäische Stadt
 1 sollte er dort die „Endlösung der Judenfrage“ beaufsichtigen. Die Stadt, die damals auf Deutsch Kaschau und auf Ungarisch Kassa hieß, sollte eine „Musterstadt der Endlösung der jüdischen Frage in Ungarn“ werden. Mit Eichmanns Ankunft begannen die Deportationen in Ungarn und damit auch im südlichen Teil der ehemaligen Tschechoslowakei.
Laut Okroy unternahmen Ende April 1944 Adolf Eichmann, sein Mitarbeiterstab sowie zwei hohe ungarische Funktionsträger, der Gendarmerieoffizier Láslo Ferency und der Außenamtsstaatssekretär Lászlo Endre, eine in Košice beginnende Inspektionsreise durch das nordöstliche Ungarn, um dort den Stand der „Ghettoisierungsarbeiten“ zu überprüfen. Während dieser Reise wurde das sogenannteTransportabkommen von Kassa vereinbart. Es sah vor, „die zu deportierenden Personen an der Station Kassa in hundertzehn Zügen abzufertigen.2
Auf Befehl des ungarischen Innenministeriums entstand in Košice ein Sammellager, aus dem die Menschen möglichst schnell in Konzentrationslager, vor allem nach Auschwitz-Birkenau, deportiert werden sollten. Das Lager für die mehr als 15.000 Juden aus Košice und Umgebung wurde auf dem Geländer der damaligen Ziegelei errichtet, das durch die Stadtbahngleise direkt mit dem Bahnhof von Košice verbunden war. 

Das Ende der Welt
Edita Šalamonová erzählt, wie sie mit anderen Juden aus Košice von der Synagoge zum Sammellager in der Ziegelei marschieren musste. „Es war schrecklich als wir hier ankamen. Es donnerte und gewitterte, es gab kein Licht, wir orientierten uns nur nach den Stimmen“, die Rentnerin weint und zeigt auf den Platz, auf dem im April und Mai 1944 das Sammellager stand. „Am schlimmsten war die Unsicherheit, die wir spürten. Wir wussten nicht, wohin wir gehen werden und konnten uns nicht helfen. Wir dachten, uns steht das Ende der Welt bevor“. 
 

 

Šalamonová blieb bis 2. Juni 1944 im Lager. Sie war eine der Letzten, die nach Auschwitz deportiert wurden. Vorher hatte es bereits am 15. Mai, 19. Mai und 24. Mai 1944 Transporte aus der Ziegelei gegeben. „Abends zwang man uns hier in die Waggons rein“ - die 93jährige Jüdin zeigt auf den Platz, wo damals die Gleise verliefen. „Man erzählte uns, wir würden dorthin fahren, wo wir unsere Verwandten treffen und arbeiten werden. Man sprach sogar von einem Urlaubsgebiet in der Schweiz“, erzählt Šalamonová und hat noch immer Tränen in den Augen. Am 4. Juni kam sie in Auschwitz an, wo sie am Eingangstor der Schriftzug ´Arbeit macht frei´ begrüßte. „Frauen wurden gleich von den Männern getrennt. Ich erinnere mich ganz deutlich an das schreckliche Geschrei meiner neunjährigen Nichte, die mit ihrer Mutter von ihrem Vater, meinem Bruder, getrennt wurde.“

 

Edita Šalamonová blieb nur zweieinhalb Tage in Auschwitz, was ihr wahrscheinlich das Leben rettete. „Da ich damals erst neunzehn Jahre alt und ledig war, nutzten die Nationalsozialisten vor allem meine Arbeitskraft“, erklärt die alte Frau. „Manche von uns verließen deshalb Auschwitz und kamen in ein anderes Lager in Lettland. Dort mussten wir schwere Arbeiten ausführen.“ Danach kam sie in das KZ Riga Kaiserwald, wo sie Panzerringe herstellte. Als die Rote Armee näherrückte, deportierte man die ausgehungerte Šalamonová und ihre Mithäftlinge aus Riga in das KZ Stutthof im Gau Danzig in Westpreußen. Ende Januar 1945 ordnete der Lagerkommandant die Evakuierung von Stutthof an. Im ersten Evakuierungsabschnitt verließen etwa 11.600 Häftlinge das Stammlager Stutthof in einem Todesmarsch Richtung Westen.Šalamonová und ihre Schwester versuchten dem Todesmarsch zu entfliehen. „Die Nazis haben auf uns beide geschossen, ich wurde schwer verletzt, meine Schwester starb in meinen Armen“, sagt die alte Frau tief bewegt. Unmittelbar danach versteckte sich die verletzte Edita in einem nahe gelegenen Dorf. Mit Schuss- und Frostwunden kam sie am 3. Februar 1945 ins Krankenhaus im polnischen Lubawa. Nach Košice kehrte sie erst am 8. September 1945 zurück. Die Spuren des Schreckens sind in ihrem Inneren nach wie vor lebendig, die Gräueltaten von damals kann sie bis heute nicht vergessen: „Mit neunzehn Jahren litt ich damals für jeden Slowaken, der heute in diesem Alter ist.“

 

 1944-1945: Der Leidensweg von Košice  nach Auschwitz-Birkenau, KZ Riga-Kaiserwald, 

KZ Stutthof bei Danzig, Krankenhaus Lubawa, Košice (rot markiert)


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Damit auch die junge Generation nicht vergisst, wurde im September vergangenen Jahres in Košice auf dem Gelände der Jüdischen Synagoge in der Puškinova Straße das Ľudovít Feld-Kulturzentrum eröffnet. Namensgeber ist der persönliche Zeichner des berüchtigten KZ-Arztes Josef Mengele in Auschwitz.

 

   

 Jana Teššerová vor dem Porträt von Ľudovít Feld

 

... vor einer seiner Zeichnungen 

   

Ein herausragendes Talent
Feld wurde 1904 in Kaschau geboren. Aufgrund eines sog. hypophysären Zwergwuchses (Nanosomie pituitaria) hörte er schon als Kind auf zu wachsen, seine Hypophyse produzierte zu wenig Wachstumshormone. Früh zeigte sich, dass der Junge jüdischer Herkunft ein herausragendes zeichnerisches Talent besaß. Nach dem Abitur studierte er Grafik an der Akademie der Bildenden Künste in Budapest. Später gründete er in Košice eine Zeichen- und Grafik-Schule.

Feld war vierzig Jahre alt, als in Košice der Holocaust begann. Und als die Deutschen 1944 Juden in der Košicer Ziegelei zusammentrieben, stand Feld nicht auf der Liste. „Das Mädchen, das das Verzeichnis schrieb, war eine seiner Schülerinnen und ließ ihn absichtlich aus dem Verzeichnis heraus“, sagt Jana Teššerová, die Kuratorin der Ľudovít Feld-Galerie im neuen Kulturzentrum. Feld habe sich aber freiwillig gemeldet, weil er seine Familie nicht alleine gehen lassen wollte.

Die meisten seiner Verwandten starben unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz in den Gaskammern. Für den kleinwüchsigen Feld interessierte sich Mengele, der den damals Vierzigjährigen zunächst in die Kinderbaracke schickte. Als der Arzt von Felds Talent erfuhr, machte er ihn zu seinem persönlichen Zeichner. „ Er musste Häftlinge mit verschiedenen Handicaps porträtieren und Mengeles grausame medizinische Versuche zeichnen“, erzählt die Kuratorin, die Feld noch persönlich kannte. Die Zeichnungen aus dem Lager sind nicht erhalten. In den Nachkriegsprozessen hätten sie als wertvolle Beweise gegen die Nazis dienen können, meint Teššerová, die selbst Jüdin ist.


       

 Die Kuratorin Jana Teššerová... 

 

... in der Ľudovít Feld-Galerie

 

 ...in Košice


Selektion in Auschwitz-Birkenau

 

In der Ľudovít Feld-Galerie sind stattdessen bewegende Zeichnungen von Feld mit dem Titel ´Auschwitz 1944` zu sehen. „Wir gehen davon aus, dass diese Bilder erst nach dem Krieg und aus der Erinnerung an Auschwitz entstanden sind“. Die Zeichnungen heißen zum Beispiel Gebet in der Baracke oder Selektion in Auschwitz-Birkenau. Außerdem ist das Bild ´Theresienstadt´ des bekannten slowakisch-jüdischen Malers Imrich Weiner-Kráľmit zu sehen.



Kurz bevor Auschwitz befreit wurde, rettete Ľudovít Feld fünfzehn Kindern das Leben, indem er ihnen befahl, sich in der Baracke zu verstecken, statt zum Rapport zu gehen. Nach seiner Rückkehr nach Košice fühlte er sich allein – und auch er konnte nicht vergessen. Vor dem Einschlafen habe er jeden Abend das Gesicht Mengeles vor sich gesehen erzählt Teššerová. Feld starb am 18. Mai 1991. Bis Ende des Jahres wird ihm zu Ehren im Kulturzentrum eine Statue enthüllt. Der Zeichner und seine Bilder sollen „ein ewiges Holocaust-Memento für nachkommende Generationen“ werden.

 

1) Michael Okroy; Kaschau war eine europäische Stadt. Ein Reise-und Lesebuch zur jüdischen Kultur und Geschichte in Košice und Prešov. S.75, Arco Verlag Wuppertal 2005. ISBN 3-938375-01-9  
2) ders., aaO S. 75


© Text: Daniela Capcarová; Erstveröffentlichung: Prager Zeitung, 26.05.2016;
© Fotos: Daniela Capcarová, fp-maps; Martin Proehl
 

Jana Teššerová vor den Zeichnungen von Ľudovít Feld © Daniela Capcarová

 




s. hierzu auch:
Aufstand Slowakei 44; Slowakei - Wahl 2016; EU-Karrieren
Košice – Europäische Kulturhauptstadt 2013: Reise nach Kosice, Ein Jahr KHE Kosice, Kosice-Alte Synagoge, Sandor Marai, Kristina Forbat, Kosice-Milan Kolcun, Juraj Jakubisko, Bilder aus Kosice, Roma in Kosice, Yuri Dojc - Fotograf


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