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Rede von Marcel Reich-Ranicki zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, 27. Januar 2012

Lesenswert:

Marcel Reich-Ranicki, Mein Leben - Autobiographie, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999
Taschenbuchausgabe: dtv, München 2000, ISBN 3-423-12830-5, 566 Seiten

Das Buch wurde auch verfilmt, Regie. Dror Zahavi

 

Einige Bücher und Filme über die Ghettos von Lodz und Warschau:

Wladyslaw Szpilman: Das wunderbare Überleben

Roman Polanski: Der Pianist

Jurek Becker: Jakob der Lügner

Frank Beyer: Jakob der Lügner (Film, DDR)

Peter Kassovitz: Jakob der Lügner (Film, Remake USA/F/HU)

Charlie Chaplin: Der große Diktator

Jerry Spinelli, Asche fällt wie Schnee

Andrzej Bart, Die Fliegenfängerfabrik

Steve Sem-Sandberg, Die Elenden von Łódź 

 

 

Das Warschauer Ghetto 

Am 21. September 1939, drei Wochen nachdem Hitler mit dem Angriff auf Polen am 1. September den Zweiten Weltkrieg ausgelöst hatte, ordnete der Chef der Sicherheitspolizei und des SD Reinhard Heydrich die Umsiedlung der polnischen Juden in Ghettos an. Diese Entscheidung sei keinesfalls endgültig, betonte der für Łódź zuständige nationalsozialistische Regierungspräsident: "Die Erstellung des Ghettos ist selbstverständlich nur eine Übergangsmaßnahme. Zu welchem Zeitpunkt und mit welchen Mitteln das Ghetto und damit die Stadt Łódź von Juden gesäubert wird, behalte ich mir vor. Endziel muss jedenfalls sein, dass wir diese Pestbeule restlos ausbrennen" (Friedrich Übelhör am 10. Dezember 1939; zit. nach Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker).

 

 

In Polen lebten rund drei Mio. Juden. Warschau galt als die größte Jüdische Gemeinde Europas: Ab November 1940 wurde ein Drittel der Stadtbevölkerung wegen angeblicher Seuchengefahr hinter einer achtzehn Kilometer langen und drei Meter hohen Mauer zusammengepfercht. Weil die Deutschen auch Juden aus der Umgebung von Warschau in das Warschauer Ghetto brachten, lebten dort bis zu 445. 000 Menschen. Ihren Lebensunterhalt mussten sie selbst bestreiten. Innerhalb eines Jahres starben 50.000 von ihnen an Hunger und Krankheiten. Die Lebensbedingungen im Ghetto waren infolge der beengten Wohnverhältnisse und der mangelhaften Hygiene sowie der eklatanten Unterversorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten katastrophal. An Hunger, Krankheiten und Epidemien starben vor allem Kinder und alte Menschen, zehntausende anderer Ghettobewohner durch den Terror der Besatzungsmacht.

 

Am 22. Juli 1942 begannen die Deutschen mit der Räumung des Warschauer Ghettos. Grundlage war ein Befehl des Reichsführers-SS, Heinrich Himmler. Bis zu 13.596 Juden am Tag wurden in Viehwaggons getrieben und deportiert, unter anderem in das Vernichtungslager Treblinka hundert Kilometer nordöstlich von Warschau. Im Oktober lebten nur noch 60.000 Menschen im Ghetto, das die SS zu diesem Zeitpunkt in ein Konzentrationslager umwandelte.

 

 

Als Vergeltung für einige Attentate auf Mitarbeiter der Gestapo massakrierten die Deutschen im Januar 1943 18.000 Menschen.
Am 19. April 1943 erhoben sich die Juden im Ghetto gegen die SS. Mehrere Wochen benötigten die von SS-General Jürgen Stroop (1895 - 1952) befehligten Deutschen, bis sie den Aufstand restlos niedergeschlagen hatten. Die Überlebenden brachte man in verschiedene Konzentrations- und Vernichtungslager. Stroop verkündigte stolz:

Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr! (Stroop-Bericht, veröffentlicht seit 1960 bei Luchterhand).

 

 

© Fotos: Ghetto-Mauerbau, Picture Alliance/AKG Images; Kämpfende Frauen nach ihrer Festnahme, pandapedia.com

 

 

 

 

 

Rede von Marcel Reich-Ranicki - 27.01.2012

  

Für die Niederlegung des Ghettos ist mir ein Gesamtplan vorzulegen. Auf jeden Fall muß erreicht werden, daß der für 500 000 Untermenschen bisher vorhandene Wohnraum, der für Deutsche niemals geeignet ist, von der Bildfläche verschwindet und die Millionenstadt Warschau, die immer ein Herd der Zersetzung und des Aufstandes ist, verkleinert wird.

Heinrich Himmler, 16. Februar 1943

© Stroop-Bericht: Das "Ausräuchern" des Warschauer Ghettos - Bundesarchiv

Zusammenstellung: Katja Schickel, 27.01.2012

 

 

Regieanweisungen für Totgeweihte

von Katja Schickel 

Der Dokumentarfilm Geheimsache: Ghettofilm (Shtikat Haarchion)


Es waren die Nazis selbst, die ihre Verbrechen akribisch archiviert und dokumentiert haben. Neben den Akten, die den Ablauf von Verfolgung, Deportation und Vernichtung wiedergeben, gibt es von Joseph Goebbels und seinem Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda eine Reihe von Filmen und Fotos, die von SS-Männern in den Ghettos, Lagern und bei Mordaktionen gemacht wurden, ebenso wie Privataufnahmen von Wehrmachtsangehörigen bei allen ihren Verbrechen. Vor der physischen Vernichtung von Menschen ging es ganz offensichtlich immer um deren systematische Erniedrigung.

Im Mai 1942 kam ein Filmteam ins Warschauer Ghetto, um Material für einen Film zu sammeln und anzufertigen. Die erst 1998 wiedergefundenen Filmrollen, die eine etwa sechzig-minütige Rohschnittfassung und einige zusätzliche Szenen enthalten, tragen den schlichten Titel Ghetto. Zu sehen sind unter anderem bettelnde Kinder und Alte, abgemagerte Menschen, knochige Leichen auf den Gehsteigen und ihre Entsorgung in einem Massengrab. Das zusätzlich Perfide und Unerträgliche der einzelnen Szenen zeigt sich an der Rekonstruktion ihrer Geschichte. Denn absichtsvoll inszeniert ist hier jeder Take: gezeigt werden soll der Gegensatz zwischen einer sorglos lebenden jüdischen Oberschicht und den Armen und Hungernden des Ghettos. Gezeigt wird beispielsweise ein Ball und ein Festbankett. Offenbar als Gegenschnitt geplant, gibt es Szenen von abgezehrten, hungernden Kindern in Lumpen, die mit ausgestreckten Armen vor dem Restaurant betteln, von den hochnäsigen Reichen jedoch kein Almosen erhalten. Vor ihrer Ermordung werden die Opfer zur Rechtfertigung ihrer Vernichtung infam missbraucht. Bewiesen werden soll wohl, dass die Juden einerseits ein normales Leben führen können, andererseits aber Untermenschen sind, die dahin siechen wie Tiere. Oder sie sind Privilegierte, die für ihresgleichen nur Verachtung übrig haben. Die jüdische Gesellschaft soll als eine des Luxus, der Verschwendung und vollkommener Gleichgültigkeit Schwächeren gegenüber dargestellt werden. Am 23. August 1942 schreibt Goebbels in sein Tagebuch: „Einige grauenhafte Filmstreifen werden mir aus dem Ghetto in Warschau gezeigt. Dort herrschen Zustände, die überhaupt nicht beschrieben werden können. Das Judentum zeigt sich hier in aller Deutlichkeit als eine Pestbeule am Körper der Menschheit. Diese Pestbeule muss beseitigt werden, gleichgültig, mit welchen Mitteln, wenn die Menschheit nicht daran zugrunde gehen will.“ In der Diagnose hat er recht, für die reklamierten Zustände jedoch sind allein die Nazis verantwortlich.

Der Regisseur Yael Hersonski unterlegt in seinem mehrfach international ausgezeichneten Dokumentarfilm die entwürdigenden Szenen, die häufig aus unterschiedlichen Perspektiven gedreht wurden, also oft wiederholt werden mussten, mit Tagebuch-Aufzeichnungen von Ghettobewohnern wie Adam Czerniaków, Vorsitzender des Judenrates, Emanuel Ringelblum, Leiter des Untergrund-Archivs, und Kommentaren von Überlebenden, die sich an die Dreharbeiten erinnern. Viele ahnen den Zweck der Film-Aufnahmen, beruhigen sich aber damit, dass Männer mit Kameras nicht so gefährlich seien wie die SS oder Soldaten mit Waffen. Wir erfahren beispielsweise, dass die Statisten sorgfältig nach Statur, Aussehen und Alter ausgesucht wurden und Instruktionen zu dem jeweils erwünschten Verhalten, Mimik und Gestik erhielten. Die zur Schau gestellten Leckerbissen mussten von der Ghetto-Verwaltung bezahlt werden, sogar der Abtransport der nur noch aus Haut und Knochen bestehenden Leichen wurde wiederholt, eine Luxus-Bestattung inszeniert mit einem Leichnam in einem christlichen Sarg. Juden werden aber nicht in Särgen bestattet. Peinigend sind auch Bilder aus einer Mikwe, also dem rituellen Bad, in das gleichzeitig nackte Frauen und Männer geschickt werden. Das Filmteam kennt kein Schamgefühl, keine Achtung vor religiösen Gefühlen. Es delektiert sich geradezu an den verzweifelten Gesichtsausdrücken der jungen Frauen, ihrer nackten Körper und der Schwäche der ausgemergelten Männer.

Auch Willy Wist, einer der NS-Kameramänner, kommt zu Wort. Der Schauspieler Rüdiger Vogeler spricht die Aussagen ein, die Wist zu Protokoll gegeben hatte. Er ist offen und zugänglich – und relativiert. Vom weiteren Schicksal der Juden des Warschauer Ghettos, von der Existenz des Vernichtungslagers Treblinka habe er erst nach dem Krieg erfahren, die vorgefundenen katastrophalen Lebens- und Sterbebedingungen im Ghetto haben ihn offenbar nicht sonderlich gestört oder gar berührt. Sie waren ihm nicht unerträglich. Die Entlarvung des Filmmaterials schaffen nicht nur die Kommentare, sondern die Bilder selbst: das gezeigte Leben auf den Straßen, die erzwungenen, konstruierten Szenen, die jüdische Stereotype evozieren wollen, die Kamera-Männer, Polizisten und Ordner, die unfreiwillig im Bild erscheinen – und die Blicke der Menschen direkt in die Kamera hinein, auf ihre Mörder, aber auch auf uns. Die Montage des Archivmaterials zeigt und analysiert das reale Leben im Ghetto, deckt die Konstruktion der Zerrbilder von Kindern und Alten, Frauen und Männern auf. Aller Beschönigung und Inszenierung zum Trotz werden die tatsächlichen Zustände im Ghetto sichtbar, aber auch die Techniken der Propaganda. Als das Material im Herbst 1942 im Schneideraum seiner Auftraggeber landet, sind die meisten Menschen auf dem Streifen Zelluloid nach den großen Deportationen im Sommer 1942 bereits tot. Nach dem Warschauer Aufstand (19. April – 16. Mai 1943) werden die noch lebenden Juden liquidiert oder in die Vernichtungslager deportiert. Der größte Teil des Ghettos, des so genannten ehemaligen jüdischen Wohnbezirks in Warschau, wird dem Erdboden gleichgemacht.

Nachtrag:

Um ausländische Delegationen, vor allem das Internationale Rote Kreuz, zu täuschen, wird zwei Jahre nach den Filmaufnahmen im Warschauer Ghetto, am 23. Juli 1944, beschlossen, einen Film über Theresienstadt zu drehen. Der euphemistische Titel Der Führer schenkt den Juden eine Stadt ist als Arbeitstitel nicht verbürgt, eher ist er wohl ein verzweifelter Witz, ein sarkastischer Kommentar der Ghetto-BewohnerInnen gewesen. Ende 1944 werden einige der gedrehten Filmsequenzen in Wochenschauen gezeigt. Der unterlegte Kommentar dazu: Während in Theresienstadt Juden bei Kaffee und Kuchen sitzen und tanzen, tragen unsere Soldaten alle Lasten eines furchtbaren Krieges, Not und Entbehrungen, um die Heimat zu verteidigen (aus: H.G. Adler, Die verheimlichte Wahrheit, 1958). Das getünchte und oberflächlich geschönte Theresienstadt hatte die Rot-Kreuz-Delegation offenbar beruhigt und zufrieden gestellt. Sie verzichtete auf Besuche weiterer Lager. Die Propaganda-Maschinerie hatte noch einmal gesiegt. 

 

Dokumentarfilm - Geheimsache: Ghettofilm von Yael Hersonski, Israel 2009, Arte Edition, 14,90 Euro

 

Text: 30.01.2012

 

 

 

 

 

 

 



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