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Prof. Richard T. Gray


 

Un-Verschollen in Amerika:
Der Einfluss deutsch-jüdischer Emigranten auf die (amerikanische) Kafka-Rezeption


 

Der Titel meines Beitrags spielt unmissverständlich auf Kafkas Erstlingsroman Der Verschollene an, denn mir geht es hier um Parallelitäten, aber auch um Abweichungen zwischen dem Schicksal von Kafkas Romanhelden und dem Schicksal vieler deutsch-jüdischer Emigranten nach Amerika, die dem Naziterror entfliehen mussten. Präziser gesagt: Wobei Kafkas Karl Rossmann in Amerika verschollen, also von der Heimat ganz und gar abgeschnitten blieb, suchten und fanden manche deutsch-jüdische Emigranten in Amerika eine Verbindung zur verlorenen Heimat, die über ihre Auseinandersetzung mit der deutschen Literatur verlief. Ich denke an die vielen deutsch-jüdischen Emigranten, die das Fach Germanistik in den USA in der unmittelbaren Nachkriegszeit wesentlich geprägt haben, und die durch ihre maßgeblichen Arbeiten über die deutsche Literatur und Geistesgeschichte eben un-verschollen geblieben sind. Interessanter noch scheint es mir, dass die Mehrzahl dieser Germanisten sich auch mit dem Leben und dem Werk Franz Kafkas auseinandergesetzt haben, so dass auch Kafka - entgegen dem Schicksal seines Helden Rossmann - in Amerika aufgrund der Veröffentlichungen dieser Flüchtlinge eben nicht verschollen ist.

Das Schicksal Karl Rossmanns nimmt auf frappante Weise das Schicksal vieler deutsch-jüdischer Emigranten nach Amerika vorweg, die dem Terror des Nazi-Regimes entflohen sind. Wie Rossmann waren sie Zwangsvertriebene; wie er suchten sie eine Verbindung mit der verlorenen deutschen Heimat, die sie dann meistens in deutscher Kultur und Literatur fanden. Schließlich haben auch viele, wie Rossmann, „vor angesehenen Persönlichkeiten“ - das heißt, in wissenschaftlichen Kreisen - „das Gute“ verfochten (1), indem sie sich für eine deutsche Kultur von Weltrang stark machten, die sich  

Eine ungewöhnlich große Zahl jüdischer Flüchtlinge vor den Nazis haben in einer scheinbaren Paradoxie ein Studium der Germanistik in den USA gewählt und dann als Professoren an namhaften amerikanischen Universitäten gelehrt (2). Eine Liste dieser deutsch-jüdischen  Exilgermanisten liest sich wie eine Ehrenliste der bedeutenden nordamerikanischen Germanisten in den Jahrzehnten nach

dem zweiten Weltkrieg. In alphabetischer Anordnung: Dorrit Cohn (Harvard University); Peter Demetz (Yale University); Erich Heller (Northwestern University); Peter Heller (State University of New York-Buffalo); Ludwig Kahn (Columbia University); Ruth Klüger (Princeton University; University of California at Irvine); Herbert Lederer (University of Connecticut); Heinz Politzer (University of California, Berkeley); Egon Schwarz (Washington University, St. Louis); Oskar Seidlin (Ohio State University); Walter Sokel (Stanford University, später University of Virginia); Harry Zohn (Brandeis University). Dem hiesigen Publikum fällt sicherlich auf, dass ein Großteil dieser Germanisten sich unter anderem mit Kafka beschäftigt haben (3). Auf Politzer und Sokel, die leitende Figuren in der Kafka-Forschung wurden, werde ich später detaillierter eingehen.

  

Die Faszination und Beschäftigung mit Kafka fungiert sogar als eine Art gemeinsamer Nenner für diese Generation von deutsch-jüdischen Exilanten, was die Vermutung nahe legt, dass Kafka und seine Literatur eine Art life-line , eine rettende Verbindung mit einer verloren gegangenen deutsch-jüdischen Kultur, also mit ihrer verlorenen Heimat bildete. So war die berühmte oder berüchtigte deutsch-jüdische Symbiose für diese emigrierten Intellektuellen eben keine „Täuschung“ (4), sondern eine erlebte Wirklichkeit, die in der Emigration weitergelebt und auch verteidigt werden musste. In einem Interview behauptet Herbert Lederer zum Beispiel: „Ich habe immer den Standpunkt vertreten, und den vertrete ich auch noch heute, daß wir jüdischen Emigranten ein Teil der deutschsprachigen Kultur waren und daß diese Kultur ein Teil von uns war und daß man keines vom anderen trennen konnte“ (5). Walter Sokel geht in seinen autobiografischen Reflexionen noch weiter und beschreibt seine Beschäftigung mit Kafka und dem Expressionismus als eine Art bewussten intellektuellen Widerstand gegen die von den Nationalsozialisten betriebene Engführung  der  deutschen Kultur und Literatur mit einer nationalistischen und rassistisch geprägten Einheitsperspektive. So behauptet er:  „Was mir auch sehr wichtig war: am Expressionismus eine enge Zusammenarbeit 

zwischen nichtjüdischen und jüdischen Deutschen zu zeigen. Das es das einmal gegeben hat, daß also Deutsche und Juden nicht immer gegenseitig vernichtende Feinde sein müssen, sondern auch Freunde sein können“, dies sollte Sokels Forschung zeigen (6). 

Nun muss man sich aber vorstellen, mit welchem verzwickten psychologischen Dilemma diese deutsch-jüdischen Germanisten konfrontiert waren. In einem gewissen Sinne kämpften sie einen Dreifrontenkrieg: erstens gegen die Vereinnahmung der deutschen Kultur durch die Nazis, und parallel dazu gegen die amerikanischen Vorurteile gegen alles Deutsche; zweitens gegen das Unverständnis der amerikanischen jüdischen Gemeinschaft, die einen Einsatz für das deutsche kulturelle und literarische Erbe als Verrat am Judentum betrachtete; und drittens gegen einen unterschwelligen amerikanischen Antisemitismus, der vor allem in der so genannten McCarthy-Ära der unmittelbaren Nachkriegszeit jüdische Intellektuelle häufig mit linksorientierter Politik und dem verhassten Kommunismus assoziierte (7). Aus diesem verwickelten und psychologisch ambivalenten Kontext heraus verteidigten diese deutsch-jüdischen Germanisten eine explizit deutsche Literatur als eine Literatur, die bahnbrechend, wegweisend und avantgardistisch war, und die genuine Ansprüche auf Literatur von europäischem, ja von universellem, weltweitem Rang stellen konnte. Was aus heutiger Sicht besonders bewunderungswürdig an der Position dieser deutsch-jüdischen Literaturwissenschaftler erscheint, ist, dass sie sich trotz ihrer horrenden politischen Erfahrungen und ihres Vertriebenseins in ihrem Exil mehr mit ihrem Deutschtum als mit ihrem Judentum identifiziert haben. Herbert Lederer bemerkt sogar, dass dieses Bestehen der deutsch-jüdischen Emigranten auf ihr Deutschtum eine Art Trotz gegen eine Nazi-Ideologie darstellte, die die Andersheit des Judentums betonen wollte. Auf diese Weise haben diese deutsch-jüdischen Kritiker versucht, die deutsche Literatur in die Weltliteratur zu (re-)integrieren, und dadurch haben sie sich auch für eine weitgefasste Germanistik eingesetzt, die sich über provinziell verstandene und strikt national-kulturell eingeschränkte Grenzen hinwegsetzte (8). Davon hat auch die Kafka-Forschung der Nachkriegszeit direkt profitiert, da diese deutsch-jüdischen Exilanten prominent zu einer Wende in unserem Kafka-Verständnis beigetragen haben, indem sie gegen eine Einengung von Kafkas Texten und seines Leben auf eine religiöse und psychologisierende Thematik argumentiert haben, und stattdessen für eine Öffnung von Kafkas Werken hin zu einem universellen, existenziellen und allgemein-menschlichen Inhalt eingetreten sind. Vor allem aber haben ihre Kafka-Analysen das ausgesprochen Literarische an seinem Schreiben hervorgehoben, und dadurch den Blick mehr auf sprachliche, strukturelle und ästhetische Komponenten seines Werkes hin gelenkt. Beispielhaft für diese Wende zum Schriftsteller Franz Kafka möchte ich die Forschung von zwei deutsch-jüdischen, eigentlich österreichisch-jüdischen, Exilanten kurz besprechen. Die Namen sind bezeichnenderweise allen Kafka-Forschern wohlbekannt, und sie wurden hier auch schon erwähnt: Heinz Politzer und Walter H. Sokel.

Geboren 1910 in Wien, studierte Heinz Politzer vor seiner Emigration im Jahre 1938 zuerst in Wien und dann in Prag, wo er unter anderem mit Max Brod an der Herausgabe von vier Bänden der ersten Kafka Gesamtausgabe mitwirkte (9). Er errang seinen Doktortitel erst im Exil, am Bryn Mawr College in Pennsylvania, und unterrichtete erst dort und dann am Oberlin College in Ohio, bis er 1960 einem Ruf an die University of California in Berkeley folgte. Sein großes Kafka-Buch Franz Kafka: Parable and Paradox erschien zuerst 1962 in englischer Sprache und hatte einen bestimmenden Einfluss sowohl auf die wissenschaftliche als auch auf die populäre Rezeption Kafkas in den USA. Eine deutsche Version erschien drei Jahre später, 1965, unter dem bezeichnenden Titel Franz Kafka, der Künstler (10). Schon sehr früh aber, im Jahre 1950 - also bereits vier Jahre vor dem Erscheinen von Wilhelm Emrichs großem Kafka-Buch - hat Politzer einen wegweisenden Artikel über die „Problematik und Probleme der Kafka-Forschung“ in der Fachzeitschrift Monatshefte publiziert, in dem er schon die Marksteine seines späteren Kafka-Ansatzes legte. Hier behauptet er schon im ersten Satz, die Hauptthese von Parable und Paradox um zwölf Jahre vorwegnehmend: „Das charakteristische Stilmerkmal von Franz Kafkas Werk ist das Paradox“, und er führt diese These weiter aus mit der verallgemeinernden Behauptung: „Wo immer und von welchem Standort auch man Franz Kafkas Werk anrührt, man wird immer einem Paradox begegnen“ (11). In seinem grundlegenden Buch versuchte Politzer dann anhand von detaillierten Analysen einzelner Werke - ausgehend von einer Musteruntersuchung der Kurzparabel Gibs auf!- zu zeigen, dass Kafkas Kunst darin bestehe, ein gedankliches Paradoxon oder einen Aphorismus in eine Anekdote oder eine Geschichte zu erweitern (12). Das Hervorheben des Paradoxons als Kernelement von Kafkas Texten hat für Politzers Kafka-Bild weitreichende Konsequenzen, die dann auch zu einer Wende in der Hauptströmung der Kafka-Interpretation wesentlich beigetragen hat. Vor allem insistiert Politzer als einer der ersten auf der prinzipiellen „Undeutbarkeit“ von Kafkas Werken, weil sie einen „Charakter des Überwirklichen“ und eine „Symbollosigkeit“ aufweisen, die sich jedweder Übersetzung in eine begriffliche Sprache widersetzt (13). Dies führt Politzer zu einem außerordentlich scharfen Angriff auf seinen früheren Mitarbeiter Max Brod, dem er die Schuld für das Vorherrschen einer vereinfachenden, allegorisierenden Tendenz in der Kafka-Forschung zuschiebt. Brod sei verantwortlich für „das Ur-Übel aller Kafka-Interpretation, nämlich die unmittelbare Übersetzung der dichterischen Bilder in die Sprache der Theologie, der Philosophie oder der Psychologie und die damit zwangsläufig verbundene Verflachung ihres dichterischen Werts“ (14). Wenn er in diesem frühen Aufsatz schon mit Nachdruck betont, dass man Kafkas Schaffen als „ein literarisches Werk erster Ordnung“ betrachten und behandeln müsse (15), so widmet er sich der expliziten Darstellung und Exemplifizierung dieser These in seinem zwölf Jahre später erschienen Kafka-Buch. Hier stellt Politzer Kafka dar als „a writer in his own right, a littérateur if ever there was one, the creator of word images, interested in their relationships to one another [. . .] and to their background”(16). Kafka ist also in Politzers Sicht vorwiegend als Sprachkünstler zu sehen, der es versteht, seine Texte durch evokative Bilder zu bereichern. Außerdem erkennt er in Kafkas Gesamtwerk einen sich wiederholenden Verweisungszusammenhang von Themen, Motiven und Bildern, der seinen Texten eine interne Konsistenz und Kohärenz verleiht. So plädiert er nicht so sehr für eine „textimmanente“ Analyse von Einzelwerken Kafkas wie für eine Gesamtuntersuchung, die diese Einzelwerke im erweiterten Kontext von Kafkas Œuvre als Ganzem auffasst. In diesem Sinne wurde Politzer - und dies gilt, wie wir sehen werden, genauso für Sokel - zum Vorboten einer strukturalistischen Kafka-Interpretation. Es ist auch konsistent mit diesem Insistieren auf dem literarischen Aspekt von Kafkas Texten, dass Politzer sich gegen eine vereinfachende autobiografische Auslegung stemmt. Als einer der ersten hat er Vorbehalte gegen die Anwendung von Kafkas Lebensdokumenten - Briefen, Tagebüchern und mündlichen Aussagen - für eine Interpretation seiner Literatur ausgesprochen. Auch der dokumentarische Wert des für viele so aufschlussreichen Brief an den Vater war ihm höchst suspekt, denn die literarische Selbststilisierung sei eine Tendenz der modernen Literatur im allgemeinen, der man auch in den Lebensdokumenten eines Dostojevskij oder eines Rilke in gleicher Weise wie in denen Kafkas begegne (17). Für Politzer sind Kafka und sein Werk dementsprechend repräsentativ für größere literarische und geistesgeschichtliche Zusammenhänge, nicht nur für die literarische Moderne, sondern für den modernen Menschen als solchen. Gemäß dieser Tendenz, die Schicksale von Kafkas Charakteren zu verallgemeinern und sie als universal-menschlich anzusehen, zeigt sich der Jude Politzer auch skeptisch gegenüber Interpretationsversuchen, die Kafkas Judentum zum Zentrum seiner Literatur machen; Kafkas Judentum sei nach Politzer schließlich nur ein „after affect“, eine Nachwirkung, die ihn auf die „hidden depths of existence and powers holding sway beyond man’s life“ aufmerksam gemacht habe (18). Interessanterweise wendet er sich auch gegen Interpretationsansätze, die Kafkas Texte als Vorwegnahme des Holocausts und der politischen Verfolgung auslegen, obwohl Politzer selber letztlich von diesem Schicksal heimgesucht wurde. Dementsprechend wirft er dem Exilanten Eduard Goldstücker vor, er versuche, weil er selber Opfer des politischen Terrors war, Kafka umzumünzen von einem „visionary of universal pain“ in einen „prophet of atrocities such as Goldstücker himself had endured“ (19). Politzer vermeidet also vorsichtig und gewissenhaft, Kafka und seine Literatur nach den Maßstäben seines eigenen persönlichen Schicksals als einen von der Naziherrschaft deutsch-jüdischen Vertriebener zu beurteilen. Dieses Urteil gilt auch für Walter Sokels Beschäftigung mit Kafka und seinem Werk. 

 

Die Laufbahn Walter Sokels ähnelt der von Heinz Politzer in vielerlei Hinsichten. Geboren 1917 wiederum in Wien, ist Sokel 1938 kurz nach dem Anschluss Österreichs über Italien in die Schweiz, dann in die USA geflohen. Er studierte erst Geschichte und Philosophie an der Rutgers University in New Jersey und wechselte Anfang der vierziger Jahre zum Studium der Germanistik und der Vergleichenden Literaturwissenschaft an die Columbia University in New York. Er promovierte dort 1953 mit einer Dissertation über den literarischen Expressionismus, lehrte zunächst an der Columbia University, und folgte 1964 einem Ruf an die Stanford University. Schließlich lehrte er ab 1973 an der University of Virginia in Charlottesville. Seine Einflussnahme auf die amerikanische Kafka-Forschung begann 1956 mit der Veröffentlichung eines englischsprachigen Aufsatzes im Journal Monatshefte über Die Verwandlung (20). In seinem Expressionismus-Buch The Writer in Extremis stellte er einem amerikanischen Publikum Kafka als wesentlichen Vertreter des deutschen Expressionismus vor (21), und diesen Ansatz verfolgte er weiter in seinem Hauptwerk, Franz Kafka—Tragik und Ironie von 1964 (22).

 

Wenn Politzer seine Kafka-Analyse um den Begriff des Paradoxons organisiert, so spielt bei Sokels Untersuchung die Idee der Ambivalenz eine ähnliche Rolle. In beiden Fällen geht es um einen unlösbaren Konflikt, was letztlich für beide Kritiker dazu führt, dass Kafkas Werke hermeneutisch resistent bleiben, indem sie keine endgültige Aussage zulassen. Aber das Paradoxon bezieht sich auf eine gedankliche oder begriffliche Entgegensetzung, während Ambivalenz, ein Kernbegriff der Freudschen Psychoanalyse, unlösliche Konflikte auf der Ebene der Persönlichkeit und des Charakters bezeichnet. Der Begriff der Ambivalenz erlaubt es Sokel, sein Kafka-Bild im Bereich der Biografie zu verankern: das Fundamentalerlebnis Kafkas sei der Kampf zwischen Vater und Sohn, bzw. zwischen einer unantastbaren Autorität und einem sich machtlos fühlenden Ich. Aus dieser subjektiven Erfahrung heraus extrapoliert Sokel, was er das Grundgesetz der Kafkaschen Kunst nennt: die Situation des Kampfes, dessen Grundstruktur sich schon in Kafkas frühem Fragment, Beschreibung eines Kampfes manifestiert (23). Nun wäre es ein recht kleiner Sprung, von diesem Standpunkt aus eine Parallele zu ziehen zu der politischen Lage der Nazizeit und dem aussichtslosen Kampf des politisch Vertriebenen gegen einen übermächtigen, ideologisch verbrämten Staat; aber trotz seiner eingestandenen Tendenz, sich mit Kafkas „Helden“ zu identifizieren (24), macht Sokel diesen reduktiven interpretativen Kurzschluss eben nicht. Stattdessen sieht er Kafkas Kunst gerade begründet in einer Abstraktion von und Erweiterung dieser Grundstruktur des Kampfes ins Überpersönliche. Kafkas Schreiben verarbeite diese Grundstruktur des Kampfes „nicht in der direkten Form des Bekenntnisses“, sondern als „Projektion seines inneren Lebens“, das „in traumhafter Verfremdung und gleichnishafter Verwandlung“ in seinen literarischen Texten zum Ausdruck komme (25). So verschiebt Sokel den Akzent von dem Was der biografischen Erfahrung zu dem Wie der literarischen Selbststilisierung; so werden die künstlerischen Prozesse, die Kafkas Texte zustande bringen, ins Hauptaugenmerk gerückt. Sokels implizite Bezugnahme auf Freud ist schon aus seiner Terminologie herauszulesen: „Projektion des inneren Lebens“, „traumhafte Verfremdung“, „gleichnishafte Verwandlung“: das sind Begriffe, die der Freudschen Traumtheorie direkt entlehnt sind. Nur geht es Sokel in seiner Kafka-Analyse eben nicht, wie bei Freud, hauptsächlich um eine Traumdeutung, sondern um eine Beschreibung und Erklärung der literarischen Techniken, die Kafkas Kunst ermöglichen und ihre unheimliche Wirkung erklären. So behauptet er ausdrücklich, sein Ziel sei nicht, „Kafka zu deuten, sondern seine Kunst der Aussage zu erhellen“ (26). Für Sokel ist Kafka ein Ausdruckskünstler in eben dem Sinne, wie dieser Begriff die Kunst des deutschen Expressionismus im allgemeinen beschreibt. So fasst Sokel seine Vorstellung von Kafkas Kunst bündig zusammen: „Kafka erklärt nicht, kommentiert nicht, analysiert nicht. Er zeigt, er projiziert, er drückt aus, wie der Traum es tut. Alles ist bei ihm Ausdruck eines inneren Geschehens, das sich scheinbar als äußeres manifestiert“ (27). Was Kafkas Texte darüber hinaus mit dem Traum im Freudschen Verständnis verbinden, ist ihre Struktur als Netzwerke, die vor allem selbstreflexiv auf sich selber verweisen: jedes Detail in einem Kafka-Text hat eine notwendige Funktion und bezieht sich auf andere Textelemente, die durch diese Bezugsfunktion assoziative Stränge bilden, genauso wie im Traum. Wie auch Politzer geht Sokel grundsätzlich auf textimmanente Weise mit Kafkas Texten um. Und wie Politzer erweitert er auch dieses intratextuelle Bezugssystem des einzelnen Werks auf die Metaebene des Kafkaschen Oeuvres aus: es lassen sich nicht nur innerhalb eines einzelnen Werks bestimmte Bezugslinien verfolgen, sondern sie können auch zwischen verschiedenen Werken verfolgt werden. So besteht der Sinn von Kafkas Dichtung nicht in einem Verweis auf die Außenwelt - also nicht in allegorischer oder symbolischer Auslegung, sondern in ihrer internen Verflechtung und ihrem intrinsischen Verweisungszusammenhang (28).

Man könnte selbstverständlich viel mehr darüber sagen, was Politzer und Sokel Wesentliches zur Kafka-Forschung beigetragen haben. Hier geht es letztlich aber nur darum zu zeigen, dass sie trotz ihrer bitteren persönlichen Erlebnisse als vertriebene deutsch-österreichische Juden sich dagegen gewehrt haben, Kafka und seine Kunst auf die Thematik des verfolgten Juden zu reduzieren. Im Gegenteil, Sokel betont ausdrücklich: „Kafkas mythisches Werk ist nicht der Mythos eines Kulturkreises oder einer Volksgruppe“ (29). Man kann nicht stark genug betonen, wie wichtig diese Öffnung von Kafkas Literatur zum Universalitätsanspruch des Allgemeinmenschlichen und einer übernationalen Weltliteratur war, gerade im historischen Kontext der Nachkriegszeit. Dieser Universalitätsanspruch ging Hand in Hand bei Politzer und Sokel mit einer hermeneutischen Öffnung der Werke Kafkas, die nicht nur ihre unendliche Auslegbarkeit betonte, sondern auch den Stellenwert ihrer Analyse als vorwiegend literarische und ästhetische Gebilde hervorhob. 

 

Stellvertretend für die Generation der deutsch-jüdischen Emigranten in den USA, trugen Politzer und Sokel wesentlich dazu bei, dass Kafkas Namen und seine Werke in Amerika, damals wir heute, unverschollen geblieben sind. Aber darüber hinaus: Wer würde daran zweifeln, dass ihre Kafka-Forschungen wesentlich eine Kafka-Renaissance nicht nur in Deutschland und Europa, sondern sogar weltweit förderten? Ihnen ist es hoch anzurechnen, dass sie als deutsch-jüdische Vertriebene den Juden Kafka und sein Werk zu einem Monument der deutschen, ja der europäischen Literatur und Kultur erklärt haben. Man könnte dies vielleicht die Rache der Vertriebenen nennen: Denn wenn es das Ziel der Nazis war, jedes jüdische Element aus dem deutschen Geistesleben auszumerzen, haben es die in Amerika lebenden deutsch-jüdischen Germanisten durch ihre Kafka-Untersuchungen erwirkt, dass das jüdische Erbe in der Nachkriegszeit wieder in die deutsche Literatur und Kultur hineingeschmuggelt wurde. So konnte wieder zusammenwachsen,  was in dem deutschen Kulturleben am Anfang  des 20. Jahrhunderts für diese Generation der assimilierten deutsch-jüdischen Intellektuellen eindeutig zusammengehörte.

 

 

 

 

Anmerkungen

1 Franz Kafka, Der Verschollene, Kritische Ausgabe der Schriften, Tagebücher und Briefe, hrsg. v. Jost Schillemeit (Frankfurt/Main: Fischer, 1983), S. 33.

2 Beatrix Müller-Kampel weist auf die Paradoxie hin, dass diese jüdischen Exilanten ausgerechnet Germanistik, ein Fach, das seit den zwanziger Jahren in Deutschland eine nationalistische Kulturideologie gefördert und genährt hatte, als Bereich ihrer beruflichen Verwirklichung gewählt haben; siehe ihren Aufsatz „Lebenswege und Lieblingslektüren österreichischer NS-Vertriebener in den USA und Kanada,” in: Lebenswege und Lektüren: Österreichische NS-Vertriebene in den USA und Kanada, hrsg. v. Beatrix Müller-Kampel, Conditio Judaica 30 (Tübingen: Niemeyer, 2000), S. 1-18; hier S. 3.

3 Dazu Beatrix Müller-Kampel, S. 16.

4 So die Bilanz von Beatrix Müller-Kampel, S. 13.

5 Herbert Lederer, „Mein kulturelles Erbe ist Wien,“ Interview mit Beatrix Müller-Kampel, in: Lebenswege und Lektüren: Österreichische NS-Vertriebene in den USA und Kanada, hrsg. v. Beatrix Müller-Kampel, Conditio Judaica 30 (Tübingen: Niemeyer, 2000), S. 119-37; hier S. 129-30.

6 Walter Sokel, „. . . das wäre der Tod: Und so erfand ich mir eine Person,“ Interview mit Beatrix Müller-Kampel, in: Lebenswege und Lektüren: Österreichische NS-Vertriebene in den USA und Kanada, hrsg. v. Beatrix Müller-Kampel, Conditio Judaica 30 (Tübingen: Niemeyer, 2000), S. 25-61; hier S. 55.

7 Zu dieser Sachlage vgl. Mark M. Anderson, „The Silent Generation? Jewish Refugee Students, Germanistik, and Columbia University,“ in: The Germanic Review 78.1 (2003), S. 20-38; hier S. 27-29.

8 Vgl. Hierzu Hinrich C. Seeba, „Academic Emigration and Intercultural Criticism: On the Role of Jewish Critics in Exile,“ in: German Literature, Jewish Critics: The Brandeis Symposium, hrsg. v. Stephen D. Dowden und Meike G. Werner (Rochester, NY: Camden House, 2002), S. 1-22; hier S.10.

9 Franz Kafka, Gesammelte Schriften, hrsg. v. Max Brod und Heinz Politzer (Prag: Heinrich Mercy Sohn, 1935-37). Die ersten vier Bände dieser Ausgabe, an denen Politzer mitarbeitete, umfassten Kafkas Erzählungen und kleine Prosa und die drei Romanfragmente.

10 Heinz Politzer, Franz Kafka: Parable and Paradox, revidierte und erweiterte Edition (Ithaca, NY: Cornell University Press, 1966); Franz Kafka, der Künstler (Frankfurt/Main: Fischer, 1965.

11 Heinz Politzer, „Problematik und Probleme der Kafka-Forschung,“ in: Monatshefte 42 (1950), S. 273-80; hier S. 273.

12 Politzer, Parable and Paradox, S. 2.

13 „Problematik und Probleme der Kafka-Forschung,“ S. 276, 278.

14 „Problematik und Probleme der Kafka-Forschung,“ S. 274; Hervorhebung von mir (RTG).

15 „Problematik und Probleme der Kafka-Forschung,“ S. 279.

16 Parable and Paradox, S. 14-15.

17 Parable and Paradox, S. 17-18.

18 Parable and Paradox, S. 21.

19 Parable and Paradox, S. 366.

20 Walter Sokel, „Kafka’s Metamorphosis: Rebellion and Punishment,“ in: Monatshefte 47.4 (1956), S. 203-14.

21 Walter Sokel, The Writer in Extremis: Expressionism in Twentieth-Century German Literature (Stanford: Stanford University Press, 1959); deutsche Übersetzung: Der literarische Expressionismus (München: Langen-Müller, 1964).

22 Walter H. Sokel, Franz Kafka—Tragik und Ironie: Zur Struktur seiner Kunst (München: Langen-Müller, 1964); später neuaufgelegt als Fischer Taschenbuch, allgemeine Reihe 1790 (Frankfurt/Main: Fischer, 1976).

23 Sokel, Tragik und Ironie, S. 9, 28-29.

24 In seinen autobiografischen Reflexionen bekennt Sokel, das seine lebenslängliche Faszination mit Kafka von einer Lektüre der Verwandlung im Jahre 1941 ausging, die auf einer vollkommenen Identifizierung mit der Isolation Gregor Samsas beruhte. Siehe dazu Walter Sokel, „The Myth of Power and the Self: An Autobiographical Account of Reading Kafka,“ in: The Myth of Power and the Self: Essays on Franz Kafka (Detroit: Wayne State University Press, 2002), S. 9-34; hier S. 9-10.

25 Sokel, Tragik und Irinie, S. 9.

26 Sokel, Tragik und Ironie, S. 27.

27 Sokel, Tragik und Ironie, S. 13.

28 Sokel, „The Myth of Power and the Self: An Autobiographical Account of Reading Kafka,“ S. 15-16.

29 Sokel, Tragik und Ironie, S. 24; Hervorhebung von mir [RTG].

 

 


 Richard T. Gray - Byron W. and Alice L/ Lockwood Professor in the Humanities, Department of Germanics, University of Washington, Seattle

Germanistik-Professor, Hochschullehrer, Übersetzer (u.a. Hegel, Nietzsche, Kafka) und Autor mehrerer Bücher, u.a.:

  

 





      

 

 

 

 

 

 

  

- A Franz Kafka Encyclopedia, mit Ruth V. Gross, Rolf Goebel, and Clayton Koelb (Westport, CT: Greenwood Press, 2005)

- Stations of The Divided Subject,  Contestation and Ideological Legitimation in German Bourgeois Literature, 1770-1912 (Stanford: Stanford University Press, 1995)

- About Face, German Physiognomic Thought from Lavater to Auschwitz, in der Reihe: “Kritik: German Literary Theory and Cultural Studies” (Detroit: Wayne State University Press, 2004)

 

 

s. hier auch: Brods Prager DeutschBoris BlahakBoris Blahak – PragProf. M. RohrwasserPD Dr. Volker RühleProf. Zimmermann-TUBSzenen zu KafkaTennis mit KafkaPD Dr. Rühle-MadridProf. Kurt Krolop


 

XI2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                                                                                                     



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