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Protest auf dem Taksim-Platz und im Gezi Park in Istanbul

Zülfü Livaneli berichtet am 10.06.2013


Der Musiker, Sänger und Schriftsteller (zuletzt auf Deutsch erschienene Romane: Glückseligkeit, Serenade für Nadja) berichtet vom Taksim-Platz, auf dem ein anonymer Chor junger Protestler das von ihm geschriebene Lied Ozgurluk (Freiheit) singt - und das jeden Tag. Der Chor nennt sich Capulcu Chor - Ministerpräsident Erdoğan hatte die Demonstranten zuvor als capulcu (Plünderer) bezeichnet. Das Protestlied Ozgurluk sei zu einem Symbol des türkischen Widerstands geworden, so Livaneli, Tausende Studenten, Menschen aller politischer Couleur, Kurden und Türken singen das Lied jeden Tag auf dem Taksim-Platz und im Gezi-Park. Der Text entstammt in Teilen dem 1942 von Paul Éluard geschriebenen Gedicht Freiheit:


Auf die Hefte meiner Schulzeit / Auf mein Pult und an die Bäume / In den Sand in den Schnee / Schreibe ich deinen Namen // Auf alle gelesenen Seiten / Auf alle leeren Seiten / Stein Blut Papier oder Asche 7 Schreibe ich deinen Namen // Auf die goldenen Bilder / Auf die Waffen der Krieger /nAuf die Krone der Könige / Schreibe ich deinen Namen // In die Dschungel und die Wüste // Auf die Nester auf den Ginster / Auf das Echo meiner Kindheit /Schreibe ich deinen Namen // Auf die Herrlichkeit der Nächte / Auf das weiße Brot der Tage / Auf die verlobten Jahreszeiten / Schreibe ich deinen Namen // Auf alle meine Fetzen Himmelblau / In den Teich Schimmel der Sonne / Auf den See atmender Mond / Schreibe ich deinen Namen // Auf die Felder am Horizont / Auf die Schwingen der Vögel / Und auf die Mühle der Schatten / Schreibe ich deinen Namen // In jeden Hauch des Morgenrots / Auf das Meer an die Schiffe / Auf den entfesselten Berg / Schreibe ich deinen Namen // Auf das Moos der Wolken/ In den Schweiß des Gewitters / in den fad-fetten Regen / Schreibe ich deinen Namen // Auf die leuchtenden Formen / Auf die Glocken der Farben / Auf die greifbare Wahrheit / Schreibe ich deinen Namen // Auf die erwachten Pfade / Auf die entfalteten Straßen / Auf die überströmenden Plätze / Schreibe ich deinen Namen // Auf die entzündete Lampe / Auf die erlöschende Lampe / Auf meine versammelten Häuser / Schreibe ich deinen Namen //Auf die geteilte Frucht / Des Spiegels und meiner Kammer / Auf mein Bett leere Schale / Schreibe ich deinen Namen // Auf meinen Hund zärtliches Freßmaul / Auf seine aufrechten Ohren / Auf sein ungeschicktes Pfötchen / Schreibe ich deinen Namen // Auf die Schwelle der Tür / Auf die vertrauten Dinge / In den Strom geweihten Feuers / Schreibe ich deinen Namen // Auf jeden Leib der sich mir gibt / Auf die Stirn meiner Freunde / Auf jede Hand die sich ausstreckt / Schreibe ich deinen Namen // Auf das Glas der Überraschung / Auf die Lippen voller Erwartung / Sehr hoch über das Schweigen / Schreibe ich deinen Namen // Auf meine zerstörte Zuflucht / Auf meine gestürzten Leuchtfeuer / An die Mauern meiner Langeweile / Schreibe ich deinen Namen // Auf das Fernsein ohne Begierde / Auf die nackte Einsamkeit / Auf die Stufen des Todes / Schreibe ich deinen Namen // Auf die wiedergekehrte Gesundheit / Auf die verschwundene Gefahr / Auf die Hoffnung ohne Erinnerung / Schreibe ich deinen Namen // Und durch die Macht eines Wortes / Beginne ich mein Leben noch einmal / Ich lebe um dich zu kennen / Um dich zu nennen
FREIHEIT

 

08 June 2013 19:37, Gezi Parki, Taksim, Istanbul
© Zülfü Livaneli -  Ey Ozgurluk (Freiheit)- Arrangement: Celik Kasapoglu.

Seinem neuen Buch Serenade für Nadja, gerade bei Klett-Cotta erschienen, wünschen wir schon mal von hier aus viele Leser_innen - und den Demonstrantinnen Erfolg, klares Wasser und nur das Salz des Meeres in der Luft,,,


11.06.2013 - Eskalation auf Türkisch

Laut Twitter, TV und dpa ist die türkische Polizei am Morgen gewaltsam auf den Taksim-Platz vorgedrungen. Die Spezialeinheiten trugen Helme und Schilde und setzten erneut Tränengas und Wasserwerfer ein. Rettungswagen standen bereit, beim harten Eingreifen soll es mehrere Verletzte gegeben haben. Unter Polizeischutz räumten Bagger Barrikaden, während Polizisten in der Umgebung des Platzes Stellung bezogen. Begründet wurde die Aktion damit, dass Plakate und Schilder vom Taksim-Platz entfernt werden sollten: Das sei das einzige Ziel des Einsatzes, schrieb Istanbuls Gouverneur Hüseyin Avni Mutlu auf Twitter. Die Einsatzkräfte bewegten sich nicht in Richtung des nahegelegenen Gezi-Parks, wo hunderte regierungskritische Demonstrantinnen ihre Zelte aufgebaut haben. Es gehe nicht darum, die Proteste zu beenden. „Wir werden weder Gezi-Park und Taksim-Platz noch euch anrühren“, twitterte Mutlu. („Niemand hat die Absicht....“ - kennt man schon). Nach Entfernung der Plakate vom Atatürk-Kulturzentrum hängten Polizisten eine türkische Fahne und ein Porträt des Staatsgründers an die Außenwand des Gebäudes. Derweil riefen die DemonstrantInnen „Jeder Platz ist Taksim, jeder Platz ist Widerstand“ und bildeten eine Menschenkette. Einige warfen Steine und Molotowcocktails auf die Einsatzkräfte. Die Polizisten forderten sie über Lautsprecher auf, die Angriffe einzustellen: „Liebe Gezi-Freunde. Wir sind unglücklich über die Situation. Wir wollen nicht eingreifen. Wir wollen niemanden verletzen. Bitte zieht euch zurück.“

Zuckerbrot und Peitsche. Erdogan droht und pocht auf sein Recht und seine Interpretation des Protestes.
12.06.2013 -  Räumung des Taksim Platz. Es gab Tote und Verletzte.

15.06. 2013, 20.55 - Stürmung des Gezi-Parks. Das Lager wird dem Erdboden gleichgemacht. Die Polizei geht mit aller Härte vor, dringt sogar gewaltsam in Hotels und Krankenhäuser ein. Es gibt viele (auch schwer) Verletzte. Die Proteste gegen die "Putinisierung der Türkei" soll weitergehen, die Bevölkerung ist - durchaus ähnlich wie in Russland - tief gespalten.


Deutsche Übersetzungen auch anderer türkischer Texte: http://geziicincevir.tumblr.com/tagged/ger

 

Informationen von KünstlerInnen über die aktuelle Situation in der Türkei, weitere Proteste, Aktionen und Polizeimaßnahmen

erkingoren.com: Der aus Istanbul stammende Künstler Erkin Gören ist über Veranstaltungen informiert.

Apartment Projekt aus Berlin-Neukölln hat Videos von Demonstrationen; info@apartmentproject.com

gozenatila.com: Informationsplattform der türkischen Künstlerin Gözen Atila

@klavierkunst: Der deutsche Pianist Davide Mortella hat auf dem Taksim-Platz ein dreizehn-stündiges Konzert gegeben, sein Klavier und persönliche Dinge wurden anschließend konfisziert. Er berichtet auf Twitter.

blogs.artinfo.com/culturalaffairs: Englischsprachiger Kunstblog mit Fokus auf künstlerische Aktionen.

Offener Brief Kulturschaffende: Unter diesen Suchwörtern findet man auf Facebook ein Schreiben an Angela Merkel, Erstunterzeichnende waren Fatih Akin, Michael Ballhaus, Sibel Kekili und René Pollesch.

(Auswahl von Seda Nigbolu, im Berliner Stadtmagazin zitty, 14-2013)

 

Ein großer Teil der berühmten Osmanischen Gärten an der alten byzantinischen Stadtmauer zwischen den Bezirken Fatih und Zeytinburnu fiel Mitte Juli der zerstörerischen Immobilienspekulation zum Opfer. Lesenswerter Blog: www.gruss-vom-bosporus.verliner-zeitung.de

 

           

Tränengaseinsatz - dpa







 

Sturm auf den Platz - dpa







 

Der große Knall - dpa







 

Räumungstrupp - afp







 



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