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Tomáš Zmeškal im Gespräch

mit Katja Schickel

 

Es gibt keine Tabus

 

 

 

 

 

 

Am 10.09.2011 stellte der tschechische  Schriftsteller sein neues Buch Der Lebenslauf eines schwarzweißen Lamms, das noch nicht in Deutschland veröffentlicht ist, im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals Berlin 2011 vor.

 

Katja Schickel: Sie haben über zehn Jahre im Ausland verbracht.

Tomáš Zmeškal: 1986 bin ich nach London gegangen, also noch vor der Revolution.

Wollten Sie dort studieren?

Nein, ich unternahm eine Reise. Dafür brauchte man eine Sondergenehmigung, denn Visa gab es ja nicht. Sie war zwei Wochen gültig, aber ich beschloss zu bleiben und ging nicht mehr zurück.

Hatten Sie keine Probleme mit den britischen Behörden?

Ein bisschen schon. Aber ich sprach mit ihnen, und danach war es kein Problem mehr. Es war ein Problem für die tschechische Seite. Aber, wie gesagt, es war vor 1989, und die Politik war vollkommen anders.

Dann kam 1989, aber Sie wollten nicht zurück?

Weil ich immer an Literatur interessiert war und gleichzeitig meiner erste Frau kennen gelernt und geheiratet hatte, begann ich - in speziellen Kursen und zunächst nicht an der Universität - Englische Literatur zu studieren. Eigentlich wollte ich zurück, aber nun war ich in England, studierte Englische Literatur, und als jemand, der schreiben wollte, aber aus einem kleinen Land kam mit einer kleinen Sprache sozusagen, dachte ich, Englisch wäre gut. Vor allem wollte ich die unterschiedlichen literarischen Traditionen kennen lernen. So habe ich meine Rückkehr immer wieder verschoben und angefangen, richtig zu studieren. Mit neunzehn Jahren hatte ich meine ersten Texte geschrieben, konnte sie aber unter den Kommunisten nicht veröffentlichen, nur im Samisdat. Und in London dachte ich, ich brauche literarischen Unterricht. In der Tschechoslowakei war das nicht möglich gewesen; die Professoren waren allesamt kommunistische Hardliner, da konnte man nichts lernen. In England war das ganz anders, und ich genoss die Zeit sehr. Zurück gekommen bin ich, weil meine Mutter sehr krank wurde, aber in ihrem Alter nicht mehr reisen wollte. Hätte ich in Deutschland gelebt, wäre es kein Problem gewesen, aber England war für sie nicht vorstellbar. Darüber hinaus gab es damals noch keine Billigflüge.

Gleich nach der Revolution wurden dann alle Schriftsteller gedruckt, die vorher nie veröffentlichen konnten. Als ich zurück nach Prag kam, war das Interesse an neuen, jungen Autoren und Autorinnen groß, es entstanden Clubs, Galerien, Theater, die zwar nicht finanziell unterstützt wurden, aber machen konnten, was sie wollten. Es gab viel Enthusiasmus – und für ein kleines Land wie Tschechien ist die Kulturszene wirklich nicht schlecht.

Sie hatten keine Anpassungsschwierigkeiten?

Nein. Ich fühlte mich gleich sehr wohl. London, Großbritannien kannte ich nach über zehn Jahren ziemlich gut, und sie machen dort wirklich großartige Sachen, da kann weder Paris noch Berlin mithalten. Aber die neue Szene in Prag war wunderbar, so interessant und vielfältig. Und ich bereute es nicht, zurück gekehrt zu sein. Es eröffneten sich so viele Möglichkeiten.

Ich habe den Eindruck, dass es tschechische Literatur schwer hat, im Ausland verlegt zu werden. Deutschland, mit dem vermutlich größten Buchmarkt Europas, schaut hauptsächlich in westliche Richtung, nach Mittel- und Osteuropa eher selten. Es ist so, als existiere immer noch der Eiserne Vorhang.

Ja, das stimmt leider. Das wird sich vermutlich auch nicht so schnell ändern. Aber ich möchte nicht hauptsächlich berühmt werden, sondern schreiben, was ich will. Für tschechische AutorInnen sind Frankreich und Deutschland wichtig, weil beide Länder etwas über die Tschechische Republik wissen, ihre Geschichte und Kultur wenigstens ein bisschen kennen. Selbst wenn man dort nur wenige Exemplare verkauft, weiß das Publikum mehr über tschechisches Leben als anderswo. In den USA haben sie keine Ahnung, und es interessiert sie auch nicht. Viele gute Bücher werden nicht übersetzt, aber ich möchte nicht wirklich allzuviel darüber nachdenken.

Einiges wird schon übersetzt, aber es dauert oft ziemlich lange. Radka Denemarková und Jaroslav Rudis beispielsweise wurden relativ schnell verlegt. Das hatte vor allem mit der historischen, tschechisch-deutschen Thematik zu tun, abgesehen davon, dass es stilistisch beeindruckende und packend erzählte Geschichten sind.

Ich kenne beide recht gut. Der Unterschied ist, dass sie beide Deutsch sprechen, die Sprache und Deutsche Literatur studiert und Kontakte haben. Im November habe ich zusammen mit Radka Denemarková eine Lesung. Es gibt ungefähr zehn wirklich gute, jüngere AutorInnen in der Tschechischen Republik, die es im Ausland zu entdecken gilt.

Lassen Sie uns über ihre beiden Bücher sprechen, die beide noch nicht ins Deutsche übersetzt sind. Ich habe gelesen, dass der erste Roman sowohl bei Kritik als auch Lesern ein großer Erfolg war, der zweite jedoch eher zwiespältig aufgenommen wurde. Es gab viel Vorwürfe und Widerspruch. Stimmt das? Und wenn ja, woher rührte die Ablehnung?

Ja, das war so. Ich glaube, es hat mit der Zeit zu tun, die ich beschreibe, der Periode der sog. Normalisierung (nach 1968, vor allem die 1970er Jahre, ks), die lange regelrecht verdrängt wurde. Die Menschen waren permanent gedemütigt worden, hatten sich oft angepasst, um nicht aufzufallen.

Eine Art Fassade?

Nein, es war mehr als das. Es drang tiefer. Sie gaben dem Zwang nach; Konformismus war gefragt, und sie verhielten sich konform. Sie verhielten sich nicht so, weil sie böse Menschen waren, sondern weil diese permanente Erniedrigung ihnen keine Wahl ließ. Ein Beispiel: Wenn jemand in Polen etwas tat, was dem Regime nicht gefiel, kam er ins Gefängnis. War jemand meinetwegen vorher Mathematiker gewesen, konnte er nach Absitzen der Strafe zurück an die Universität. In der Tschechoslowakei war das vollkommen anders. Hatte jemand einen Aufruf unterschrieben, kam er ins Gefängnis, aber anschließend hatte er auch seinen Job verloren. Sie drohten: Wenn du noch einmal unangenehm auffällst, können deine Kinder nicht studieren. Diese Art von Anpassung durch diese Form von Demütigung meine ich. Und es gibt Leute, die wollen das nicht hören.

Niemand hört das gerne. Man wäre ja doch lieber ein Held oder zumindest ein aufrechter Mensch.

Ich habe das Buch aber gar nicht geschrieben, um zu kritisieren, sondern weil ich Angst hatte, diese Zeit zu vergessen. Aber ich hatte Gefühle und Erfahrungen, die mich sehr stark geprägt haben. Aber diese Erfahrungen sind eigentlich komplett nutzlos. Sie sind zu nichts zu gebrauchen.

Wie meinen Sie das?

Es sind meine Gefühle und Erfahrungen, und das werden sie auch bleiben. Die Zeit ist vorbei und keinen interessiert es.

Könnten Sie genauer beschreiben, was man Ihnen vorgeworfen hat?

In einer Kritik stand, ich hätte das Buch nicht schreiben sollen, vor allem nicht so, wie ich es getan hatte, es sei schlimm von Anfang bis Ende. In einer anderen, es sei besser als mein erstes.

Sehr präzise ist  besonders die erste Äußerung ja nicht gerade. Wenn jemand die Beschreibung von Verhältnissen auf sich bezieht, dann ist für gewöhnlich ein wunder Punkt getroffen.

Ja, im Kern geht es darum, dass sich manche Leute auf den Schlips getreten fühlen, weil sie meinen, ich hätte sie kritisieren wollen.

Sie haben das nette tschechische Haus beschmutzt...

Nein, nicht ganz. Es gibt im Buch ein Kapitel, es spielt in Dejvice, einem Bezirk etwa zehn Minuten von der Prager Burg entfernt. Ich beschreibe einige Vorkommnisse dort, u.a. zwischen spielenden Kindern und hinzu kommenden Erwachsenen. Die Leute können aber nicht einfach sagen, er beschreibt das so, weil er schwarz ist und nicht weiß, sie müssen sagen: Er übertreibt maßlos. Sie fühlen sich unwohl mit der Geschichte. Andere wiederum, vor allem bei meinen Lesungen, ich erinnere da eine in einer Kleinstadt, sagen: Ganz schön heftig das Buch. Ich bin froh, dass diese Zeit endgültig vorbei ist. Und eine Leserin pflichtet bei: Genauso schlimm war es. Die Rezensionen sagen das Gegenteil. Ich glaube, es hat mit der Öffentlichkeit zu tun. Die tschechische Gesellschaft ist immer noch eine sehr konformistische Gesellschaft.

Nach der Lesung sagten Sie, der Roman handele nicht von Rassismus. Aber es gibt doch diesen Rassismus, natürlich nicht nur in der Tschechischen Republik.

Rassismus ist heutzutage ein Problem in Tschechien, in meinem Roman spielt er allerdings keine Rolle. Heutzutage gibt es Rassismus vor allem gegen Roma, nicht gegen Schwarze. Das waren und sind sowieso nicht viele, sie studierten, hatten ihre Jobs. Sie wurden nicht bedrängt.

Stichworte: Internationalismus, Solidarität und Völkerverständigung...

Ja, durchaus. Es ist schlimmer geworden. Heutzutage trifft der Rassismus der Mehrheitsgesellschaft vor allem kleine ethnische Minderheiten, die auch sozial an den Rand gedrängt werden. Aber ich habe in der Zeit, die ich im Buch beschreibe, keinen Rassismus erlebt.

Ich habe es bereits vor sieben Jahren geschrieben, und in dieser Zeit hat sich vieles verändert. Schon vorher fielen einem natürlich Vorurteile auf. Ich habe mit siebzehn ein Praktikum in einem Zentrum für Roma absolviert, und jemand fragte: Wieso arbeitet der Schwarze für diese Roma-Kinder. Offiziell ging es um Hilfe, aber man mochte die Leute nicht.

Ist dieses Buch eher ein persönliches, intimes Buch, eine Innenschau?

Ja, das ist es unbedingt.

Der erste Roman umfasst eine ganze Epoche vom Ende des 2.Weltkriegs bis in die 1990er Jahre, es ist ein historisches Buch mit viel politischem Hintergrund.

Ja und nein, es berührt natürlich politisches Themen. Der Hauptprotagonist war in den 1950er Jahren im Gefängnis, aber darüber hinaus spielt Politik keine allzu große Rolle. Es ist hauptsächlich eine Liebesgeschichte von drei Menschen.

Aber der politische Hintergrund ist doch bedeutsam. Der Ehemann, der in den Knast kommt, seine Ehefrau und der kommunistische Freund, der die Abhängigkeit der Frau schamlos ausnutzt und missbraucht.

Stimmt, aber wichtiger waren mir die unterschiedlichen Perspektiven der Personen. Ich habe mit ganz unterschiedlichen Stilmitteln gearbeitet.

Beispielsweise: Brief, Tagebuch, Bericht, Notizen, Gedicht, Traumsequenzen.

Ja, und es ist nicht chronologisch erzählt, von daher ein wenig kompliziert. Das führte dazu, dass es zunächst kein Verlag publizieren wollte. Dann hat es sich aber einige Tausendmal verkauft, viel für tschechische Verhältnisse.

Im zweiten Roman geht es um Zwillinge, wie und wo sie heranwachsen, was sie alles durchmachen. Ihre Haltungen sind unterschiedlich: Das Mädchen ist direkt und bestimmt, idealistisch könnte man sagen. Sie hat Vorstellungen, wie die Welt aussehen sollte. Ihr Bruder ist immer eine Spur hinter ihr, er ist schlechter in der Schule, aber viel pragmatischer. Das ergibt dauernd Konflikte, obwohl sie sich gut kennen und verstehen. Vor allem der Druck von außen lässt sie zusammenhalten. Sie kämpfen gemeinsam.

Wie sieht der Druck von außen aus?

Es hat wieder mit dieser Normalisierungsperiode zu tun. Die Großmutter meint, die Beiden werden es schon schaffen und Erfolg haben im Leben. Sie meint das durchaus ernst und ehrlich, aber es funktioniert nicht, weil sich die Andersartigkeit der Kinder einerseits nicht verstecken lässt, man andererseits aber auch nicht sagen darf, was Sache ist. Die Großmutter ist auch voller Vorurteile gegen Polen, Juden, Deutsche, Slowaken, überhaupt alle Fremden, sodass ihre Liebe, die sie den Beiden zweifelsohne entgegen bringt, auch angezweifelt wird. Lucie fragt sich verzweifelt, wie kann die Großmutter nur so denken, wir sind schließlich auch anders, wir sind schwarz, Vaclav igelt sich ein.

Wie alt sind die Kinder am Anfang des Buches, wie alt am Schluss?

Sie sind etwa sieben Jahre, gehen noch nicht zur Schule. Am Ende sind sie Mitte Zwanzig. Es ist der Beginn der Samtenen Revolution.

Ich hatte einmal von einer weißen Frau gehört, die ihr Kind weg gegeben hatte, weil es schwarz war. Ich erinnere mich, als ich in London lebte, an ein Buch, das von dreihundert Britinnen berichtete, die ihre Kinder weg gegeben hatten, weil sie den täglichen Rassismus nicht länger aushielten. Ich versuchte diese Situation zu transportieren. Rassismus in dieser extremen Form gab es in der Tschechoslowakei der 1960er - 1970er Jahre nicht, also diese permanent bedrohliche Konstellation. Es gab jedoch die Zwänge, die Enge, die rigorose Pflicht zum Wohlverhalten.

Wie geht es mit den Beiden weiter bis in ihre mittzwanziger Jahre? Wie ist ihre Entwicklung? Haben sich ihre Pläne oder Wünsche erfüllt?

Das steht nicht im Buch. Die Entwicklung wird in zwölf Kapiteln erzählt. Im Vordergrund steht jeweils eine Person bzw. eine spezifische Situation. Neben der Großmutter gibt es einen Onkel, der eine Art Ersatzvater ist. Er ist behindert, sehr liberal, vor allem Frauen gegenüber, was Lucie sehr prägt.

Lucie will sich taufen lassen, was das Familiengeheimnis ihres Ursprungs virulent werden lässt.

Ein zweiter Onkel hatte vor dem Krieg ein gut gehendes Lokal, danach zwangsrequirierten es die Kommunisten, steckten ihn in den Knast und drangsalierten seinen schwulen Freund und Mitinhaber dermaßen, dass er Suizid beging. Bereits nach einem Jahr wurde er zwar entlassen, aber weiterhin so unter Druck gesetzt, dass er schwere  psychische Probleme bekam.

Lucie ist ein Mathematik-Talent, nimmt an der Sozialistischen Mathematik-Olympiade in Bulgarien teil und verliebt sich in einen Bulgaren, was der Großmutter natürlich überhaupt nicht gefällt.

Vaclav macht Musik in einer Band, muss dann aber zur Armee. Er meldet sich bei  der dortigen Brassband, er spielt Klarinette, wird zunächst genommen, absolviert eine Prüfung, aber der vorgesetzte Offizier teilt ihm dann mit, dass er wegen seines Aussehens doch nicht spielen dürfe, er sähe zu andersartig aus. Bei internationalen Auftritten könne man sich das nicht leisten. Ausgerchnet. Das ist übrigens eine persönliche Erfahrung. Später soll er aus der Armee entlassen werden wegen einer angeblichen Krankheit.

Es sind ja immer dieselben fadenscheinigen Sätze. Versteckt oder ganz unverhohlen. Das Andere, Fremde muss bekämpft werden. Nimmt der Nationalismus zu, steigt auch die Fremdenfeindlichkeit, der Rassismus.

Ganz schlimm ist der Rassismus gegen Roma. Als ich 1999 zurück kam, gab es einen größeren Fackelumzug von Rechtsradikalen durch Praha 1, durch das alte jüdische Viertel. Die Aufmarsch war nicht verboten, die Polizei hielt sich zurück, und es war spürbar, dass diese Leute ein Ziel suchten, damals Juden. Eigenartig, wie lange sie gebraucht haben, bis sie auf die Roma gekommen sind, die nun das Ziel ihrer Angriffe und Schmähungen sind.

Als ich nach Prag kam, war ich wirklich geschockt von diesen Angriffen, die schon schlimm genug waren. Schlimmer war nur die öffentliche Diskussion, die die Roma nicht in Schutz nahm, sondern so nebenbei zum Beispiel beim Essen über die notwendigen Maßnahmen sprach, wie man sie am besten los werden könnte. Lager fanden viele durchaus angemessen.

Das ist sehr stark das Problem der Regierung, auch von Klaus. Wenn die sagen, wir sehen gar kein Problem, dann fühlen sich viele berufen zu tun, was sie für richtig halten. Aber seit vier, fünf Jahren schauen Regierungsvertreter ostentativ weg.

Sie diskutieren es ja, bloß auf unsägliche  Weise...

Vor ein paar Jahren war das den Vertretern der Regierung und der Parteien vollkommen egal. Jetzt kann ein Parlamentarier sagen, am besten wäre es, die Roma allesamt in die Luft zu jagen, und keiner schreit auf. Also gibt es Leute, die sich geradezu berufen fühlen, das umzusetzen. Es sind solche Leute, die politische Macht und Einfluss gewinnen.

Auf der politischen Ebene wird es totgeschwiegen, unsichtbar gemacht, aber alle Akteure sind da. Es gibt viele Alkoholiker und Obdachlose in Prag. Einzige Idee ist, sie aus den Innenstadtbezirken zu vertreiben, damit niemand bei ihrem erbärmlichen Anblick erschrickt.

Es ist nicht nur das. Zu beobachten ist auch, dass es mittlerweile Politiker gibt, die sich mit besonders markigen Sprüchen hervor tun, weil das einen Karrieresprung nach oben bedeutet.

Sie haben keine kritische Öffentlichkeit zu fürchten.

Nein. Wenn man mit NGO´s spricht, dann hört man nur, wie verwunderlich es sei, dass diese Übergriffe nicht schon früher stattgefunden haben, denn der Boden sei schon lange dafür bereitet.

In unsicheren Zeiten wird oft einiges an Frust hoch gespült. Das muss man einfach sehen.

Aber der Level der öffentlichen Diskussion ist in der Tschechischen Republik extrem niedrig.

Wenn Klaus sagt, Multikulturalismus, was ein Wort, wird es in Tschechien nie geben, dann ist das eine eindeutige message. Diese Aussage würden auch viele Deutsche unterschreiben, aber es gibt eben doch viele unterschiedliche Stimmen, manchmal auch nur Stimmengewirr und Geschrei.

Das Problem in der Tschechischen Republik ist auch die Schwäche der jeweiligen Regierungskoalition, die nie über eine ausreichende Mehrheit verfügt, das sind ja immer nur drei, vier Stimmen. Das zweite Problem ist die Korruption, deren Level so hoch ist, dass er schon Teil des gesamten Systems zu sein scheint.

Neulich hörte ich, dass jemand sagte: Wir haben hier eine Mafia. Das klang so, als sei das ein von irgendwo und irgendwem importiertes Problem und nicht, dass die Akteure die eigenen Leute sind. Man ist weniger verantwortlich, wenn man hausgemachte Probleme von sich weg schieben kann. Dann sind eben ominöse Andere schuld.

Vor zwei Tagen wurde der offizielle Bericht des tschechischen Geheimdienstes veröffentlicht, das ist ja an sich ein Widerspruch in sich. Da waren alle staatlichen Organe aufgelistet, es betraf auch die Judikative, und einige Richter regten sich auf. So etwas könne man doch nicht veröffentlichen. Nie hätte ich gedacht, dass ich jemals aufseiten des Geheimdienstes sein würde. Sämtliche staatlichen Gesellschaften: Korrupt. Man hatte sich so etwas schon gedacht, aber die schrieben einfach: Es ist wahr. Aber solch eine Situation ist natürlich höchst gefährlich, weil viele anfangen zu denken: Wir brauchen starke Führer. Sie sind ja desillusioniert. Sie wollen, dass etwas gegen die Korruption unternommen wird, die Einhaltung von Menschenrechten fällt da ganz unter den Tisch. Wenn die ökonomische Krise weitergeht oder sich gar verschärft, wird sich die Situation verschlimmern. Das ist leider immer so.

Ich möchte nochmals auf die neuere tschechische Literatur zu sprechen kommen. Denn das sind Autorinnen und Autoren, die mit ihren Geschichten wirklich Tabus brechen, kommt mir jedenfalls vor. Fragen an die Geschichte, also was in der Vergangenheit los war, wider das Vergessen. Sich nicht mehr zufrieden geben mit dem, was bisher erzählt wurde, die Übereinkünfte aufkündigen und zwar mithilfe aller literarischen Genres. Das scheint mir eine große Chance auf einen neuen Diskurs und mehr Beweglichkeit im Denken zu sein.

Das Schlimme ist, dass alles offen auf dem Tisch liegt, alle alles wissen, sich aber trotzdem überhaupt nichts ändert. Es gibt keine Geheimnisse. Fast jeden Tag kann man in den Zeitungen über ein neues, dubioses Geschäft auf höchster Ebene, ein weiteres krummes Ding lesen. Also es gibt gar keine Tabus, jeder weiß Bescheid, aber offenbar gibt es keinen Mechanismus, das zu stoppen.

Woran liegt es dann? Ist das noch ein Erbe der Diktatur? Es muss doch Instrumente der Untersuchung geben, die dann auch greifen? Massenhafter Protest in allen Formen. Demonstrationen. Ich weiß schon, dass die Leute immer sagen: Ach, das nützt ja alles nichts. Bisschen sehr bequem, oder?

Ich weiß nicht, was hilft. Das System funktioniert so, dass es bisher jeden korrumpiert hat. Das beste Beispiel ist Klaus, der mal als Zweiunddreißig-Jähriger in der Politik angefangen hat.

Die Frage wird sein, ob die Leute mit den Problemen umgehen können oder nicht. Bisher sieht es nicht so aus.

Teil des Problems oder Teil der Lösung war einmal eine Fragestellung.

Aber niemand will solche Fragen beantworten. Es gibt Meinungsfreiheit, es ist im Ganzen gesehen ein demokratisches Land.

Also weg mit den Teufelskreisen! Noch eine letzte Frage: Sie sind Lehrer an der Universität?

Ich war es, jetzt bin ich freier Schriftsteller und muss zurzeit nicht anderweitig Geld verdienen. Ich bekomme ein Stipendium und Honorare für meine Bücher. Das kann sich natülich auch ändern. Niemand weiß, was noch alles passiert. Ich mache mir da keine Illusionen. Das ist auch ernüchternd. Manchmal schreibe ich einen Essay, aber tschechische Zeitungen zahlen sehr wenig, und ich möchte mich hauptsächlich auf mein Schreiben konzentrieren. Manchmal habe ich auch Lesungen, aber die werden nicht so bezahlt wie in Deutschland, das, gerade was die Lesekultur angeht, sehr entwickelt ist. Das gibt es sonst in keinem anderen europäischen Land.

Tomáš Zmeškal, weiterhin viel Erfolg und Lust auf´s Schreiben - danke für das Gespräch!

 

 

 

 

Bücher in tschechischer Sprache:

Milostný dopis klínovým písmem, Torst, Prag, 2008

Životopis černobílého jehněte,Torst, Prag, 2009

 

Tomáš Zmeškal wurde 1966 als Sohn eines Kongolesen und einer Tschechin in Prag geboren. Mit dem Erscheinen seines Debütromans Milostný dopis klínovým písmem« (2008, Ü: Liebesbrief in Keilschrift) wurde er schlagartig bekannt. Der Roman erzählt eine Prager Familiengeschichte aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nach ihrer Heirat Anfang der 1950er Jahre werden Josef und Květa zehn Jahre wegen Josefs politischer Haft getrennt. Hynek, der beim tschechischen Staatssicherheitsdienst arbeitet und mit Josefs Fall betraut ist, drängt Květa in eine Abhängigkeitsbeziehung. Květa beginnt sich mit ihrer Opferrolle zu identifizieren. 1960 wird Josef entlassen und versucht mit Květa das gemeinsame Leben wieder aufzunehmen, bis er von ihrem Verhältnis zu seinem Peiniger erfährt und die Beziehung in eine Sackgasse gerät. Erst nach seinem Tod taucht ein Liebesbrief in Keilschrift von Josef an Květa auf, der seine unumstößliche Liebe zu ihr offenbart.Der Roman zeigt, wie innerhalb eines diktatorischen Systems, das Missbrauch und Perversion von Macht befördert, die Mitteilung von Gefühlen fast unmöglich wird, so wie Josef seine Liebe nur in der chiffrierten Form eines Briefs in Keilschrift zum Ausdruck bringen kann. Mit der Geschichte von Květa und ihrem Verhältnis zu Hynek macht Zmeškal zudem deutlich, wie sexuelle Abhängigkeit benutzt wird, um Menschen in einer Weise zu unterwerfen, die sie selbst als Schuld empfinden.
Zmeškals Roman Životopis černobílého jehněte (2009, Ü: Lebenslauf  eines schwarz-weißen Lamms), ist der erste Roman in tschechischer Sprache, der sich mit der Lebenserfahrung von Menschen mit afrikanischen Wurzeln innerhalb kommunistischer Systeme in Osteuropa befasst. Der Autor erzählt darin die Kindheits- und Jugendgeschichte eines Zwillingspaars, das seine ethnisch gemischten Eltern nicht kennengelernt hat und bei der Großmutter aufwächst.
Für seinen Roman Milostný dopis klínovým písmem wurde Tomáš Zmeškal für den Magnesia-Litera-Preis 2009 nominiert und mit dem angesehenen Josef-Škvorecký-Preis ausgezeichnet. Er lebt in Prag.

 

 

© Gespräch: Katja Schickel



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